Vorwort
Pfr. Max-Adolf Cramer, Mannheim-Friedrichsfeld
Friedrichsfeld
Zum Gedenken
an das Jubiläumsjahrzehnt
1877 / 1987
Manuskript 1987
Evangelisches Pfarramt Mannheim-Friedrichsfeld
Alle Rechte bei den Verfassern
Vorwort
Der Stadtteil Mannheim-Friedrichsfeld und die Evangelische Kirchengemeinde Mannheim-Friedrichsfeld konnten in den Jahren 1977 bis 1987 verschiedene Jubiläen begehen. Am 16. Oktober 1977 gedachte die evangelische Gemeinde der Einweihung ihrer Kirche vor 75 Jahren. Sie konnte mit diesem Gedenktag zugleich die Einweihung ihres neuen Gemeindehauses verbinden. Kirche und Gemeindehaus wurden aus diesem Anlaß nach dem französischen Reformator Johannes Calvin benannt, in dessen Nachfolge im Glauben die ersten Ansiedler Friedrichsfelds ihre ursprüngliche Heimat verlassen und das neue Dorf gegründet hatten. Der Gedenktag jener ersten Ansiedlung und Gründung des Dorfes vereinigte die gesamte Bevölkerung des Stadtteils im Jahr 1982 zu einem bedeutenden Jubiläumsfest. Der in Friedrichsfeld gebürtige und ansässige Amtsgerichtspräsident Dr. Willi Herrmann stellte in einem Vortrag zum Jubiläumsjahr die Geschichte der Kirchen in Friedrichsfeld dar. Der Verein für Kirchengeschichte in der Evangelischen Landeskirche in Baden und der Verein für pfälzische Kirchengeschichte veranstalteten gemeinsam ihre Jahrestagungen 1982 in Friedrichsfeld. Dabei wurde neben einem Vortrag von Dr. Theo Kiefner über die Hugenottengemeinden in Baden-Durlach, der anderweitig veröffentlicht wurde, ein Vortrag über "Hugenotten in der Kurpfalz" von Pfarrer Helmut Kimmel / Kaiserslautern zu Gehör gebracht. Die beiden Vorträge von Dr. W. Herrmann und H. Kimmel sind in diesem Manuskript zum Gedächtnis an die Jubiläumsjahre in redigierter Form zusammengefaßt, wobei der Vortrags-Charakter so weit wie möglich beibehalten wurde. Beigefügt sind noch Ausführungen über die evangelischen Pfarrer von Friedrichsfeld.
Dieses Heft soll also die Ortsgeschichte von Dr. Friedrich Walter, "Friedrichsfeld - Geschichte einer pfälzischen Hugenottenkolonie", Mannheim 1903, die beiden kleinen Festschriften zum 50. Kirchenjubiläum im Jahr 1952 und zum 75. Kirchenjubiläum im Jahr 1977 sowie die Festschrift zum 100. Bestehen des Evangelischen Kirchenchors im September 1987 ergänzen und weiterführen. Das Chor-Jubiläum schließt die Reihe der Feste, die in ein Jahrzehnt fallen. Möge das Motto der Chor- und Musikarbeit "Soli Deo gloria" auch weiterhin für die ganze Gemeinde Friedrichsfeld gelten.
Mannheim-Friedrichsfeld, am 3. August 1987, dem 300. Gedenktag
der Einweihung der ersten Friedrichsfelder Kirche.
Max-Adolf Cramer
Grußwort
Pfr. Max-Adolf Cramer, Mannheim-Friedrichsfeld
Grußwort aus der Festschrift
zur Einweihung des Johannes-Calvin-Gemeindehauses
am 16.Oktober 1977
Dein Wort ist wahrhaftig und gewiß;
Heiligkeit ist die Zierde deines Hauses,
Herr, für alle Zeit. Psalm 93,5.
Mit einem Saal fing es an ...
Als dieser Betsaal, die erste Friedrichsfelder Kirche, vor 290 Jahren eingeweiht wurde, legte der Pfarrer Louis de Combles seiner Predigt den obigen Psalmvers zugrunde. Er hat damit der Gemeinde Friedrichsfeld ein Leitwort mit auf ihren Weg gegeben, das heute genau so gilt wie damals. Weil Gottes Wort Quelle, Ausgangspunkt und Richtschnur alles christlichen Lebens und Handelns ist, muß es auch maßgebend sein für die Häuser und Räume, die eine christliche Gemeinde sich schafft.
... deshalb eine Kirche ...
In den schlichten, saalartigen Predigtkirchen von 1687 und 1738 sollten Wahrheit und Gewißheit des Gotteswortes sich manifestieren. Man ging davon aus, daß es "auf der ganzen Welt nichts Merkwürdigeres, nichts Interessanteres und Schöneres als die Wahrheit" gibt. Der Verzicht auf äußerlich sichtbaren Schmuck in der Tradition Johannes Calvins sollte der Hinweis darauf sein, daß in solchem Raum der allein heilige Gott das Sagen hat. Auch unter veränderten Umständen ist darauf Verlaß. Noch der imponierende Kirchenbau von 1902 suchte in seiner Gestaltung dem Rechnung zu tragen.
... und nun ein Gemeindehaus:
"Gott hat auf der einen Seite sein Wort, auf der andern hat er unser Leben. Das ist das rechte Gleichgewicht, zu dem wir gelangen müssen" (J. Calvin). Deshalb braucht die Gemeinde das Haus, das helfen soll, daß das Wort der Wahrheit sich umsetzt in unser Leben. Ein Saal nur für Feste würde heute dazu nicht genügen. Die vielfältige Gruppierung einer Gemeinde verlangt bewegliche und anpassungsfähige Räume neben dem gemeinsamen, zusammenfassenden Kirchenraum. Weil aber Gemeinde immer Gemeinde des Herrn ist, wird auch das Gemeindehaus stets Haus des Herrn sein. Denn, so lehrt uns Calvin, "wenn man von Gottes Ehre schweigt, so heißt das die Ordnung der Natur verkehren, das Licht der Sonne löschen". Möge diese Sonne das Leben in unserem Johannes-Calvin-Gemeindezentrum allezeit erleuchten!
Pfr. Helmut Kimmel, Kaiserslautern
Hugenotten in der Kurpfalz
Friedrichsfeld ist für jemand, der sich beschäftigt mit der Geschichte der Hugenotten, ein vertrauter Name. Ich möchte versuchen, das Thema, das wir uns gestellt haben: "Hugenotten in der Kurpfalz", im zweiten Teil ein bißchen an Beispielen aus der Gemeinde Friedrichsfeld zu verdeutlichen.
Vielleicht erzähle ich Ihnen am besten, wie ich dazu gekommen bin, mich mit Hugenotten zu beschäftigen. Ich war Pfarrer in der Südpfalz, in Impflingen. Da fand ich in meinem ältesten Kirchenbuch aus der Zeit nach dem dreißigjährigen Krieg mehrere französische Familiennamen und überlegte mir: woher kann denn das kommen? Und dann fing ich an nachzuschauen und merkte: das hat etwas zu tun mit einer seltsamen Einrichtung: daß es nämlich mitten in der Kurpfalz, in einem deutschen Land, nach dem dreißigjährigen Krieg französische Personalgemeinden gab.
Der ersten solchen Personalgemeinde, die mir da aufgefallen ist -es war Laloeu-Nouveau in Alt-Billigheim - bin ich ein wenig nachgegangen, und siehe da: mich, den Pfälzer, wie ich dachte, den Urpfälzer, wie ich meinte, packte das Interesse an den Hugenotten. Und auf einmal stellte ich fest, daß ich in meiner eigenen Familie gar nicht weit zu gehen brauchte und war dann selber mittendrin bei Menschen, die in der Zeit nach dem dreißigjährigen Krieg um ihres Glaubens willen aus Nordfrankreich weggezogen waren.
Aber wenn man von der Kurpfalz redet und von den Hugenotten, dann sollte man ja überhaupt einmal sagen, was man sich unter diesem Wort "Hugenotten" vorzustellen hat. Wie bei den meisten Begriffen, die wir gebrauchen, ist es nicht eindeutig; die Gelehrten streiten sich darüber. Manche meinen, es käme von "Eidgenossen"; manche haben andere Erklärungen dafür. Jedenfalls war es ein Name, der sich in Frankreich durchgesetzt hat für die Anhänger der Reformation, vor allem der Reformation, die von Johannes Calvin ausging, dem aus der Picardie, aus Nordfrankreich also, stammenden Mann, der schließlich in Genf Heimat gefunden hat. Weil der französische Protestantismus von Johannes Calvin her geprägt wurde, nannte man seine Anhänger Hugenotten.
In der Kurpfalz herrschten um die Zeit, als man sich in Deutschland Gedanken machte um die Reform der Kirche, die Wittelsbacher. Aus einer Seitenlinie des Hauses Wittelsba(:h kam schließlich der Zweig zur Herrschaft, der mit dem Kurfürsten Friedrich III. -der Fromme genannt - die Reformation so durchführte, wie viele Einflüsse von Freunden aus Oberdeutschland, aus der Schweiz und aus Frankreich es ihm nahelegten. Die pfälzischen Wittelsbacher fühlten sich damals durchaus als Leute, die etwas zu sagen hatten. Sie waren nicht nur die Pfalzgrafen bei Rhein; sie waren als Reichsvikare Stellvertreter des Kaisers in Zeiten, bis ein neuer Kaiser oder König gewählt war. Und sie hatten eine Menge von familiären und persönlichen Bindungen zu den führenden Fürstenhäusern Europas.
Die Habsburger, die in jener Zeit in der Regel die Kaiser stellten, waren von den Wittelsbachern, jedenfalls den pfälzischen, nicht so ohne weiteres akzeptiert. Es gab viele Epochen der pfälzischen Geschichte, in denen die pfälzischen Wittelsbacher zusammen mit anderen deutschen Fürsten sich immer wieder überlegten, wie man dem Übergewicht des Hauses Habsburg wehren könnte. Dazu boten sich die Könige von Frankreich als fast natürliche Bundesgenossen an. So kam es, daß Friedrich der Fromme etwa seine Erziehung genossen hatte am Hofe des Herzogs von Lothringen in Nancy, am Hof in Brüssel - damit Kaiser Karl v. nichts dagegen sagen konnte - und am Hof des Fürstbischofs von Lüttich. Auch sein Sohn, der weitbekannte Pfalzgraf Johann Casimir, verbrachte entscheidende Jahre seiner Erziehung am Hof des Königs Heinrich II. von Frankreich und dann ebenfalls wieder am Hof in Nancy. Mit unseren heutigen Vorstellungen von Nationalität, die weithin vom 19. Jahrhundert geprägt sind, kommen wir nicht sehr weit, wenn wir die Geschichte des 16. oder 17. Jahrhunderts betrachten.
Wir finden also Johann Casimir in Frankreich um eben die Zeit, als die Opposition der protestantischen Fürsten es durchaus für angernessen hielt, die Verwaltung der Bistümer Metz, Toul und Verdun an das Haus Valois zu geben, um sie darnit dem Übergewicht des Hauses Habsburg zu entziehen. Aber davon möchte ich jetzt eigentlich nicht reden. Da gäbe es viel zu erzählen, was da aus der Pfalz hinüberging nach Frankreich. Es wäre zu berichten von den Hilfszügen des Johann Casimir für die französischen Protestanten und ähnlichen Vorgängen. Aber wir wollen uns ja heute Gedanken machen über den umgekehrten Vorgang, nämlich darüber, was es bedeutete, daß so viele Hugenotten in die Kurpfalz karnen. Dabei möchte ich auch nicht reden von den zahlreichen politischen Aktivitäten französischer Fürsten und ihren Kontakten mit dem pfälzischen Hof, auch nicht von den Verhandlungen des Prinzen Conde und anderer Hugenottenführer etwa in Kaiserslautern und Heidelberg. Wir wollen davon reden, wie in der Pfalz mehr und mehr Gerneinden entstanden sind aus französisch sprechenden Menschen, die hier das, was sie von ihrern Glauben her zu sagen und zu bieten hatten, eingebracht haben in das Leben unserer Kirchen und unseres Landes.
Ihnen wird bekannt sein das Jahr 1572, einhundertzehn Jahre vor der Gründung von Friedrichsfeld. Da liegt eines jener Ereignisse, die in der Geschichte der Reformation besonders haften geblieben sind. In der Bartholomäusnacht passierte es, daß die in Paris zusammengekommenen Führer der Protestanten umgebracht wurden. Sie waren zusammengekommen, weil man der Hoffnung war, daß mit der Hochzeit des Königs von Navarra mit der Erbin der Valois für Frankreich eine neue Zeit anbrechen könnte, eine Zeit, wo man dachte, daß d.eses Land sich nun auch der Reformation öffnen würde. Im selben Jahr 1572, wenige Monate nach der Bartholomäusnacht, entstand das erste Verzeichnis französischer Gemeindeangehöriger in der Kurpfalz, und zwar am Hof in Heidelberg. Dort gab es schon länger eine französisch-reformierte Gemeinde. 1569 bis 1577 ist das Kirchenbuch der Heidelberger französisch-reformierten Gemeinde überliefert. Dann bricht die Überlieferung in Heidelberg vorübergehend ab; die Pfarrer mit der Gemeinde zogen über den Rhein nach Frankenthal. Aber in der ersten Gemeinde, die da kurz nach der Bartholomäusnacht verzeichnet wurde, da finden wir eine ganze Reihe von bedeutenden Gelehrten der Heidelberger Universität. Wir finden eine ganze Reihe von Angehörigen des kurpfälzischen Hofstaates. Und wir finden mit einer der Prinzessinnen von Bourbon, der späteren Ehefrau des Wilhelm von Oranien, auch schon eine jener Persönlichkeiten, deren Namen dann stehen für die Entwicklung der Reformierten in den kommenden Jahrhunderten. Denn ohne das Haus Oranien und seine vielfältigen Einflüsse ist die Geschichte des Protestantismus in Westeuropa in der kommenden Zeit ja kaum zu begreifen.
Vor ein paar Jahren, als ich so meine ersten Gehversuche machte beim Nachforschen nach Hugenotten in der Pfalz, entdeckte ich im Generallandesarchiv in Karlsruhe eine Liste, die die Überschrift trägt: "Frantz. Kirchen in der Pfaltz undt deren Pfarrer an Zahl vor Jüngstem Krieg". Es stellte sich bald heraus, daß es eine Liste war, die etwa um das Jahr 1699 oder 1700 entstanden war, die also jünger war als das schöne Friedrichsfeld, denn Friedrichsfeld wird darin schon genannt. Aber in dieser Liste - ich habe sie dann auch abgedruckt in einem Heft über Hugenotten' in der Pfalz, das zum deutschen Hugenottentag in Landau vor einigen Jahren erschienen ist -, da steht für die kurpfälzische Verwaltung schön verzeichnet, wann die einzelnen Gemeinden in der Kurpfalz ihre Existenz begonnen haben. Als älteste Gemeinde wird dort genannt Frankenthal, mit 1562 als erster Zahl. Dann wird 1573 und 1577 genannt, und dabei immer der Name Friedrichs III., also jenes Kurfürsten, den die Überlieferung den Frommen nannte. Nach Frankenthal kamen zunächst flämische, also niederdeutsche Flüchtlinge, die aus der lutherischen Reichsstadt Frankfurt weichen mußten, wo sie zunächst Zuflucht gesucht hatten. Bald danach, als der Versuch mit Frankenthal offensichtlich gut geglückt war, hat Kurpfalz sich darum bemüht, weitere Flüchtlingsgruppen aufzunehmen bzw. hat dem Begehren weiterer Flüchtlingsgruppen nachgegeben. Das wird dann Landrecht genannt.
Unter Friedrich IV. 1582 heißt es bei Otterberg einfach: voriges Jahrhundert; bei Heidelberg wird 1580 genannt. Das ist also viel später als die ersten Listen, die wir aus dem Kirchenbuch tatsächlich kennen. Und dann kommen die Gemeinden, die nach dem dreißigjährigen Krieg entstanden sind. Was auffallenderweise nicht genannt wird, ist Mannheim. Aber das mag wohl damit zusammenhängen, daß zur Zeit, als das Verzeichnis entstanden ist, Mannheim als ein kleines Anhängsel an Friedrichsfeld angesehen wurde. Denn Friedrichsfeld wird genannt. Sie sehen also: Manchmal sind so alte Urkunden ganz lustig und interessant.
Nun ein paar Blicke auf solche Gemeinden, die nach dem dreißigjährigen Krieg entstanden sind. 1652 wird eine neue französische Pfarrei in Gronau gegründet. Das ist heute Alsheim-Gronau bei Ludwigshafen. 1686 bestätigt der katholische Kurfürst Philipp Wilhelm ausdrücklich noch einmal diese Gemeinde und ihre Privilegien. Trotzdem wandern die Siedler aus Gronau in der weit überwiegenden Zahl zur gleichen Zeit aus nach Hofgeismar in Hessen und später nach Straßburg in der Uckermark in der Mark Brandenburg.
Wenig später nach der Gründung der Gemeinde in Gronau kommt es zu einer anderen interessanten Gründung. 1664 gründet Kurfürst Karl Ludwig die Gemeinde Laloeu-Nouveau in Alt-Billigheim. Das geschah so, daß man Zuwanderern aus der Gegend von Lille - dort liegt eine kleine Landschaft Laloeu - erlaubt hat, sich unter der deutschen Bevölkerung in Alt-Billigheim anzusiedeln. Diese Ansiedler wurden nicht den deutschen Obrigkeiten unterstellt. Sie hatten nicht nur weiterhin die eigene Sprache, also Französisch, sondern auch eigenes Recht, das aus ihren Privilegien herstammte. Sie waren direkt der kurfürstlichen Regierung unterstellt, keineswegs den pfälzischen Schultheißen, Amtmännern, Oberamtmännern und wie die Würdenträger alle hießen. Daß sich daraus erhebliche Schwierigkeiten ergaben mit den deutschen Obrigkeiten und mit der deutschen Bevölkerung der Ortschaften, das können Sie sich unschwer vorstellen.
Auch in Mannheim ist es ja nicht wesentlich anders gewesen. Dort hat man drei reformierte Gemeinden nebeneinander eingerichtet: eine hochdeutsch-reformierte, eine wallonisch-reformierte und eine niederdeutsch-reformierte, und die Verwaltung wurde wieder direkt dem Kurfürsten unterstellt. Was den Einheimischen, den Bauern der Nachbarschaft z.B., überhaupt nicht geschmeckt hat, war die Tatsache, daß die horrenden Kosten, dieder dreißigjährige Krieg verursacht hatte, von den Deutschen aufgebracht werden mußten, während die zuw3ndernden Fremden, die Flüchtlinge, die man ansiedeln wollte, freigestellt waren, ja daß sie auch sonst eine Reihe von Privilegien bekamen. Der Versuch der kurpfälzischen Regierung, fremden Vertriebenen neue Heimat zu geben, hat wie alle Versuche von Lastenausgleich zu allen Zeiten keineswegs nur Begeisterung hervorgerufen. Und das Aufblühen der reformierten Fremdengemeinden hat auch nicht immer zur Freude der einheimischen deutschen reformierten Gemeinden beigetragen. Da gab es nämlich eine Menge von Problemen, z.B. für Mischehen, und immer wieder Schwierigkeiten um diese und jene Rechte. Denn die Französisch- reformierten waren es gewohnt, in ihren Kirchen sehr viel mehr selbst bestimmen zu dürfen, als das etwa die einheimischen Pfälzer gewohnt waren.
Ich möchte nun noch versuchen, Ihnen am Beispiel von Friedrichsfeld ein paar Hinweise auf Probleme zu geben, die sich dem stellen, der sich mit der Geschichte unserer französisch-reformierten Väter beschäftigt. Da ist zum einen die Frage: wo kamen sie eigentlich her und warum sind sie von zuhause weggegangen? Für einen Friedrichsfelder ist das nun verhältnismäßig leicht und schön zu beantworten. Denn er hat eine ausgezeichnete ortsgeschichte von Friedrich Walter, wo man nachlesen kann, woher die ersten Antragsteller für Friedrichsfeld gekommen sind. Da braucht man gar nicht viel zu suchen: man begegnet der Angabe, daß sie aus Sedan gekommen sind. Nun fragt man sich natürlich: wie kommen Leute aus Sedan auf die Idee, in die Pfalz zu ziehen? Auch dazu finden Sie in Ihrer Ortsgeschichte von Walter eine ganze Reihe von interessanten Angaben. In früheren Zeiten ist das eben nicht so gewesen wie heute, daß noch unseren Großvätern bei Sedan nur die Schlacht von Sedan und der Kaiser Napoleon einfiel, und Sedan also für sie der Inbegriff des Französischen war. Dies war nicht so in der Zeit des 16. Jahrhunderts. Walter berichtet, daß Sedan damals für die Kurpfalz eine selbstverständliche Partnerstadt war, daß es zeitweise eine dauernde Postverbindung Heidelberg - Metz - Sedan gegeben hat. So leicht können Sie selbst heute nicht mehr nach Sedan kommen. Der berühmte Kurfürst Friedrich V. von der Pfalz, der sich ja hat zum König von Böhmen wählen lassen, und der seinen Versuch, sich den Habsburgern gleich zu stellen, bitter bezahlen mußte, der Winterkönig also, und sein Bruder, der Fürst von Kaiserslautern, waren beide in ihrer Jugend eine ganze Zeit lang in Sedan erzogen worden. Während des dreißigjährigen Krieges haben sich die Pfälzer oft in Sedan aufgehalten. Dort verlieren sich auch - wie es heißt - die Spuren des Sarges des Winterkönigs. Man weiß nicht, wo er geblieben ist, aber bis dorthin kann man seine Spur verfolgen.
Sedan war ein selbständiges Fürstentum bis gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges. Die Fürsten von Sedan hatten in ihrem Land die Reformation genauso eingeführt wie die Kurpfälzer hier in der Kurpfalz. Die engen Bezielungen gingen über die Oranier. Die Fürstin in Heidelberg war die Schwester der Fürstin in Sedan. Man war sich innerlich sehr nahe und äußerlich auch. Man leistete einander Beistand. Und als gegen Ende des dreißigjährigen Krieges Frankreich das Fürstenturn Sedan unter die Herrschaft der französischen Krone brachte, konnte es nicht ausbleiben, daß im Lauf der Zeit immer mehr Protestanten abwanderten, vor allen Dingen, je mehr es sich zeigte, daß es in Sedan selbst nicht anders ging als sonst in Frankreich, daß die Rechte der Protestanten nach und nach immer mehr beschnitten wurden. Es gibt eine sehr schöne Arbeit von Hartmut Grätzer aus den letzten Jahren, der eindrucksvoll beschreibt, wie das vor sich gegangen ist: das Leben in Sedan an der dortigen Universität, an der dortigen Ritterhochschule, und die vielfältigen Beziehungen zum europäischen Protestantismus, auch und gerade zum pfälzischen Protestantismus.
Sedan, das eine Stichwort: Menschen gingen weg, weil sie hofften, daß sie hier in einem befreundeten Fürstenturn besser ihres Glaubens leben konnten als in ihrer Heimat. Es gibt unter den Gelehrten einen Streit, was denn das nun für Leute gewesen seien, ob das nun Wallonen waren oder ob es Hugenotten waren. Nun, dieser Streit ist eigentlich nicht zu entscheiden, weil das keine Gegensätze sind. Gerade am Beispiel Sedan können Sie sich das gut klarmachen. Es gab an der Nordgrenze Frankreichs eine ganze Menge von Herrschaften, so wie dieses Herzogtum Bouillon, oder der Hennegau oder die Grafschaft Flandern oder Artois, Herrschaften mit wallonischer Bevölkerung, zunächst unter Herrschaft der Spanier in den spanischen Niederlanden. Da gingen zunächst einmal Protestanten aus dem Land flüchtend weg, als die Spanier die Protestanten verfolgten. Damals galten die Protestanten dieser Landschaften als Freunde Frankreichs. Als sich dann Frank- reich nach dem dreißigjährigen Krieg immer mehr nach Norden ausdehnte, einen großen Teil dieser Länder unter die Herrschaft der französischen Krone brachte, und als Ludwig XIV. die Rechte der Protestanten immer mehr einschränkte, da flohen nun die Verwandten oder Kinder der gleichen Leute, die zuvor als Wallonen fortgezogen waren, jetzt als französische Protestanten, eben als Hugenotten, außer Landes. Vorgänge, wie wir sie ganz ähnlich auch an anderen Grenzen Frankreichs sehen. Aus der Geschichte der Waldenser kann ähnliches berichtet werden.
Wenn wir die Liste der Fremdengemeinden, der Hugenotten- Gemeinden in der Pfalz betrachten, müssen wir doch noch ein paar Namen nennen. Ein wenig jünger als Friedrichsfeld ist die Flüchtlingsgemeinde in Langenzell. Sie ist erst am 5. März 1687 gegründet worden Das war schon zu einer Zeit, als in der Kurpfalz kein protestantischer Kurfürst mehr regierte, sondern Philipp Wilhelm aus der katholischen Wittelsbacher Linie. Der Kurfürst Philipp Wilhelm also, der erste katholische Wittelsbacher, hat in seinem Land eine durchaus tolerante Religionspolitik begonnen. Unter seiner Herrschaft werden sogar noch zwei Flüchtlingsgemeinden neu gegründet, nämlich Langenzell und Hilsbach bei Sinsheim. Allerdings: das sind auch die letzten Versuche dieser Art. Die Gemeinden können sich ebensowenig halten wie eine kurz nach Friedrichsfeld gegründete Siedlung, nämlich Reilingen bei Schwetzingen, das am 4. Mai 1685 gegründet worden war, also ein wenig jünger als Friedrichsfeld ist. Auch dort blieben von den französisch-reformierten Flüchtlingen keine zurück. Sie zogen ab wie aus vielen anderen pfälzischen Gemeinden, nach Hessen und in die Uckermark, also nach Brandenburg. Dabei will ich wieder das Beispiel von Friedrichsfeld aufgreifen. Die Gründung der Gemeinde Friedrichsfeld hängt zusammen mit der Tätigkeit ihres ersten Pfarrers, Louis de Combles. Dieser war wahrscheinlich für seine deutschen Kollegen in der Umgebung gar nicht so einfach. Ob er es für seine Gemeinde immer war, weiß ich nicht. Da müßte man noch ein bißchen nachschauen. Es war einer jener Pfarrer, die stets als Herren bezeichnet werden. Denn er gehörte zu einer lothringischen Niederadelsfamilie. Und ganz anders als im deutschen Protestantismus, wo schon sehr früh der Adel sich nur noch als Patron der Pfarrer empfand, und der Pfarrerberuf von der Hoffähigkeit ausschloß, war das in den französisch-reformierten Gemeinden. Ein ganzer Teil des französischen Niederadels setzte seine Ehre darein, nicht nur Advokaten bei den Parlamenten oder Offiziere, sondern selbstverständlich auch Pfarrer in der Familie zu haben. Die Mutter von Pfarrer Louis de Combles war die Tochter eines Kapitäns zur See. Ich weiß nicht, ob ihr Lebensstil so ganz dem Lebensstil der ersten Friedrichsfelder Ansiedler, die kleine Handwerker gewesen sind, entsprochen hat. Aber, so viele Schwierigkeiten sich da auch ergeben haben, für die Gemeinden war die Tatsache ungeheuer wichtig, daß ihre Pfarrer gleichzeitig auch die Leute waren, die bis hin zum Hof ihre Interessen vertreten konnten. Die französisch-reformierten Pfarrer der Kurpfalz begegnen uns in großer Zahl auch als die politischen Führer ihrer Gemeinden. Als wenig später (1689) die Stadt Mannheim niedergebrannt wird, da ist es nicht der Rat und der Bürgermeister oder sonstwer, der die Gemeinde fortführt und Verhandlungen um eine neue Heimat führt, sondern da ist es der Pfarrer Pericard, genauso ein Sedaner wie die ersten Friedrichsfelder Ansiedler. Aber noch einmal zurück zu diesen Pfarrern: wir werden uns jetzt gleich Überlegen müssen, was das bedeutet hat, diese enge Verknüpfung zwischen Glaubensüberzeugung und politischen Handeln. Das ist charakteristisch gewesen für den französischen Protestantismus, keineswegs aber charakteristisch für die Gepflogenheiten des deutschen Luthertums oder auch der Reformierten in Deutschland, wo von vorneherein ja die Rolle des Landesherrn eine andere gewesen ist.
Pfarrer Louis de Combles mußte aus Friedrichsfeld fliehen. Nach der Zerstörung des Dorfes scheint er sich zunächst in die Niederlande gewandt zu haben. Denn am 23. Mai 1691 wird in Amsterdam verzeichnet, daß der Pfarrer von Friedrichsfeld Louis de Combles 25 Gulden Unterstützung bekommen hat; am gleichen Tag auch der Pfarrer Abel de Bonafnet von Langenzell. Wahrscheinlich sind die beiden Pfarrersfamilien miteinander in die Niederlande gezogen, ohne daß in diesem Fall die Gemeinden sich ihren Pfarrern angeschlossen haben. Jedenfalls können wir das einstweilen nicht feststellen. Da wären Untersuchungen erforderlich, wo überall Friedrichsfelder der ersten Stunde auftauchten. Im Oktober 1693 kann Pfarrer Louis de Combles dann eine Stelle antreten als französischer Pfarrer in Stendal in Brandenburg. Er ist einer der vielen, vielen, die damals aus der Pfalz nach Brandenburg gewandert sind. Und es ist ganz interessant, daß in der großen Liste aller Angehörigen der französischen Kolonien im Kurfürstentum Brandenburg 1699 dann steht bei Stendal: "Louis de Combles, zuvor in Neuendorf bei Heidelberg". Der Pfarrer von Friedrichsfeld hat sich also mit diesem pfälzischen Namen niemals recht anfreunden können. Für ihn war das, wo er angefangen hat, das neue Dorf; war offensichtlich sein Leben lang auch das neue Dorf geblieben, auch als er schon sehr lange weit weg in Stendal saß. Dort ist er dann auch im Jahr 1732 gestorben.
Nun habe ich gesagt, es gäbe da eine ganze Menge von Beziehungen zwischen dem Raum von Friedrichsfeld und dem Raum von Sedan. Ich habe Ihnen schon gesagt, daß sich daraus manche Probleme ergeben, vor allem aus dieser engen Verknüpfung des Gehorsams gegen das Gebot Gottes und das Evangelium Jesu Christi, und jenen Versuchen, politisch zu wirken, wie das für den französischen Protestantismus charakteristisch ist. Lassen Sie mich darum noch einmal - das soll dann das letzte sein - eine Geschichte erzählen aus der Anfangszeit der Flüchtlinge aus Sedan im Raum Mannheim.
Vor ein paar Jahren ist eine schöne Familiengeschichte erschienen von einer Familie Bassange. Darin wird erzählt, daß die Familie Bassange, die nach dem dreißigjährigen Krieg eine zeitlang in Mannheim Heimat gefunden hat, aus Sedan gekommen ist. Eigentlich- so wird dort berichtet- stammt die Familie nicht aus Sedan. Der älteste bekannte Vorfahre war in Lüttich geboren, aber als Kaufmann dann nach Sedan gezogen. Dort hat dann einer seiner Nachkommen kurz vor dem Ende des dreißigjährigen Krieges eine Sedaner Kaufmannstochter geheiratet mit dem Namen Marie Dehoust. Auch diese Familie ist bis auf den heutigen Tag im Mannheimer Raum noch gut bekannt. Es ist wohl anzunehmen, daß eben diese Familie mit vielen anderen Sedanern damals nach Mannheim und in die Umgebung gekommen ist. Der Kaufmann Bassange wanderte aus Sedan mit offiziellen Papieren aus in die Kurpfalz. Und dann wundern sich die Nachfahren - ich will es Ihnen vorlesen -: "das hinderte aber den König von Frankreich nicht, vom Kurfürsten von der Pfalz einige Jahre später seine Auslieferung zu verlangen. Der Kurfürst lehnte zwar abnahm aber Jacques Bassange für eine gewisse Zeit in eine Art Schutzhaft." Soweit die Familiengeschichte. Was in der Familie offensichtlich nicht mehr bekannt war, als diese Familiengeschichte erschien, waren die Hintergründe dieses Vorgangs, der in der Zeit nach 1685 die Menschen in diesem Raum, in den Flüchtlingsgemeinden hier, aufs äußerste erregt und beschäftigt hat. Ein Vorgang, von dem wir nicht aus den Familienüberlieferungen informiert sind, sondern aus den Berichten der kurpfälzischen Verwaltung, des päpstlichen Nuntius und des französischen Außenministeriums.
Da gab es in Billigheim -ich machte sie vorher auf diese Gemeinde aufmerksam -einen französisch-reformierten Pfarrer Henri Lefranc. Er war ein naher Verwandter des Pfarrers Pericard aus Sedan. Wahrscheinlich stammte auch er dort her. Henri Lefranc mußte 1684 aus der Südpfalz weichen und hat dann in Mannheim gewohnt. Da in Mannheim scheint er sich mit unserem Kaufmann Bassange angefreundet zu haben. Es taucht noch ein anderer Mann auf, ein Kurzwarenhändler namens Cardell. Diese Leute gerieten eines Tages in den Verdacht, eine terroristische Vereinigung gegründet zu haben - wie man heute sagen würde -. Der Pfarrer Lefranc soll nämlich, nachdem er einmal wieder berichtet hatte, was alles in Frankreich passiert war, gesagt haben, es müsse doch möglich sein, die Quelle des für alle Protestanten gemeinsamen Übels zu beseitigen und Feuer zu legen an den vier Ecken von Paris. Dabei wurde er belauscht von jemand, der aus anderen Gründen glaubte, das dem französischen Gesandten melden zu sollen. Als der Kaufmann Cardell kurze Zeit später nach Speyer reiten wollte, wurde er von einer französischen Patroullie auf kurpfälzischem Gebiet verhaftet. Damit und von da an begann eine schwierige diplomatische Auseinandersetzung zwischen Kurpfalz und Frankreich. König Ludwig XIV. bestand lange Zeit unerbittlich darauf, das müsse gesühnt werden. Er war davon überzeugt, daß das nicht einfach nur Gerede war, sondern daß die Vorbereitung für einen Mordanschlag auf den König von Frankreich durchaus ernst zu nehmen sei. Der Kurfürst von der Pfalz beurteilte es anders; aber er setzte zunächst sowohl den Kaufmann Bassange als auch den Pfarrer Lefranc und einen Soldaten namens Quoireau in Haft. Dort blieben sie etwa ein Jahr lang, bis schließlich der Kurfürst sie abschob, und der Pfarrer Lefranc in Preußen eine Stelle übernehmen konnte.
Aber der pfälzische Kurfürst hatte damit, daß er diese Leute nicht auslieferte, ernste Schwierigkeiten heraufbeschworen. Am 14. Dezember 1685, also kaum einen Monat nach der Inhaftierung von Cardell, wurde der französische Gesandte am pfälzischen Hof demonstrativabgerufen. Er verweigerte dem pfälzischen Kurfürsten selbst den Abschiedsbesuch, der in solchen Fällen üblich ist. Und es bedurfte einer Fülle von Vermittlungen, bis wenigstens erreicht wurde, daß der König von Frankreich die Angelegenheit gegen die in kurpfälzischern Gewahrsam befindlichen - wie er meinte - Attentäter nicht weiter verfolgte. Der Mannheimer Kaufmann Cardell aber starb im französischen Gefängnis und hat die Freiheit nie wiedergesehen.
Es war gefährlich, im Grenzland zu leben, so wie es gefährlich geworden war, in Frankreich als Protestant zu leben. Wen wundert es, daß wenige Monate nach diesen Vorgängen der erste große Treck pfälzischer Flüchtlinge aus den Gemeinden westlich Mannheims in die Gegend von Hofgeismar nach Hessen zog!
Wer von den Hugenotten in der Kurpfalz reden will, der muß eigentlich davon sprechen, daß das eine Episode gewesen ist. Nur wenige blieben zurück oder kamen nach dem Friedensschluß 1697 wieder in die Pfalz, als sie aufgefordert wurden, in das zerstörte Land zurückzukehren. Die meisten sind dort geblieben, wo sie inzwischen eine neue Heimat gefunden hatten: in Brandenburg - Preußen. Dort ist dann im 18. Jahrhundert das große Zentrum der französischen Glaubensflüchtlinge auf deutschem Boden, nicht mehr in der Kurpfalz, die der erste sichere Hort zu sein schien in den ersten Jahren der Verfolgung nach dem dreißigjährigen Krieg.
Daß die Gemeinde Friedrichsfeld bis heute die Erinnerung an ihre Gründung in jener Zeit bewahrt, ist schön. Und ich meine, es ist auch ein Zeichen der Hoffnung, daß immer wieder die Überzeugung möglich sein soll und muß, der Glaube daran, daß die Liebe Jesu Christi am Ende und vom Ende her gesehen die stärkste Macht der Geschichte ist, ein Zeichen der Hoffnung, daß diese Überzeugung nicht untergeht und daß immer wieder Menschen sich darum bemühen, ihrer Überzeugung gemäß zu leben und dafür manches in Kauf zu nehmen. Ich möchte der Gemeinde Friedrichsfeld das wünschen, daß etwas von der Geschichte ihrer Gründung her auch heute in dieser Gemeinde lebendig bleibt, vor allem die Überzeugung, daß nicht noch so mächtige Menschen das letzte Wort haben, sondern daß der Satz der Reformation in Genf "Soli Deo gloria", Gott allein die Ehre, auch weiterhin gilt; daß wir dort, wo wir mit Gott leben, ohne Angst in die Zukunft schauen können.
Dr. Willi Herrmann, Mannheim-Friedrichsfeld
Die Geschichte der Kirchen in Friedrichsfeld
Erlauben Sie mir drei Vorbemerkungen: 1. Die Geschichte darzustellen ist sicher im Rahmen eines Abendreferats nicht möglich, weil die Geschichte vielfältig ist und weil sie bisher nur zum Teil erhellt werden konnte. Deshalb kann ich Ihnen nur aus der Geschichte etwas wiedergeben. 2. Die Kirchen: verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich rede nicht von den Gebäuden, sondern von der Kirche, so wie wir das im Glaubensbekenntnis verstehen, insbesondere von den Kirchengemeinden. Selbstverständlich komme ich auch auf die Baugeschichte der einzelnen Kirchen, die hier stehen oder gestanden haben, zu sprechen. 3. Zu den Kirchen in Friedrichsfeld gehört auch die Neuapostolische Kirche. Da dies aber ein historischer Vortrag sein soll, möchte ich diese ausklammern. Denn Sie wissen da, daß sie erst nach dem zweiten Weltkrieg hier in Friedrichsfeld erbaut wurde und ein so hohes historisches Interesse also noch nicht beansprucht.
In der zeitlichen Abfolge gehe ich aus von der Gründung Friedrichsfelds, zeige dann die Entwicklung bis zur zweiten Besiedlung, fahre dort fort mit der Geschichte evangelischen Kirchengemeinde, weil sich das gerade so anbietet, und werde dann die Geschichte der katholischen Kirchengemeinde anschließen.
1. Die Gründung Friedichsfelds
Ich beginne mit der Gründung. Hier drängt sich die Frage auf: Warum kamen 1682 Hugenotten in die Pfalz? Dieser Frage möchte ich zuerst nachgehen. Zunächst einmal: Was sind denn eigentlich Hugenotten? Diese Hugenotten haben ihren Namen als Spottnamen "Huguenots" - "Hügeno", wenn man es französisch ausspricht. Man kann es übersetzen etwa mit "Eidgenossen". Es hängt mit Leuten zusammen, die im Anschluß an die Reformation, vor allem im Anschluß an das Wirken Johannes Calvins in Frankreich und speziell in Genf sich von der römischen Kirche losgesagt haben. Deshalb möchte ich ganz schnell, weil es auch im unmittelbaren Zusammenhang mit diesem Hause und seinem Namen steht, auf diesen Johannes Calvin eingehen.
Er hieß eigentlich Jean Cauvin, später dann Johannes Calvin. Er ist in Noyon/Nordfrankreich am 10. Juli 1509 geboren und am 25. Mai 1564 in Genf gestorben. Er war gelernter Jurist und - wie es heißt - Licentiat, heute würden wir sagen: Rechtsanwalt, in Paris. Aber vom Jahre 1533 ab wurde er nach einem Bekehrungserlebnis zum offe-nen Verfechter der Reformation. Er gab viele Schriften heraus, Lehrbücher. Ich will Sie jetzt nicht mit Theologie langweilen; das steht mir auch nicht zu. Nur soviel: Calvin war vordringlich der Reformator von Frankreich, aber auch von Schottland, den Niederlanden, von Polen, von Ungarn und Siebenbürgen. Zusammen mit. Heinrich Bullinger legte er im "Consensus Tigurinus" 1549 die Wurzeln für den Zusammenschluß aller Reformierten. Daneben suchte er, und das ist für uns und auch für Friedrichsfeld bemerkenswert, schon damals die Einheit der Kirche. Nicht nur die Einheit innerhalb der Reformierten, sondern auch die Einheit mit den Lutheranern und mit der Römischen Kirche. Es gibt heute zahlreiche Darstellungen, die ihn den für seine Zeit größten Ökumeniker nennen. Sein Hauptwirkungsort war Genf. Dort legte er den Grundstein zum Neubau der kirchlichen Verwaltung und bildete diese aus. Er schuf einen Katechismus, schrieb zahlreiche Kommentare zum Alten und Neuen Testament und führte eine neue Gottesdienstordnung ein nach Straßburger Muster. Dieser Johannes Calvin hatte einen ungeheuren Erfolg. Man vermutet, daß er auch mit Martin Bucer in Straßburg zusammengearbeitet hat.
Wir müssen wissen, daß es im 16. Jahrhundert, also beim Tod Calvins in Frankreich ungefähr 5 Millionen Reformierte gegeben hat. Die Hugenotten, wie gesagt, waren die, die sich der calvin'schen Lehre angeschlossen hatten.
Mit ihnen hatte es folgende Bewandtnis: in der Mitte des 16. Jahrunderts, in der Zeit Calvins, kommt es in Frankreich, und zwar schon 1559 in Paris, zu ersten französischen National-Synode. Angehörige des französischen Hochadels - ich nenne nur eine Familie stellvertretend für viele: die Bourbon-Vendome - treten zum neuen Glauben über und kämpfen um die Anerkennung der Reformierten. Das dauert zwei Jahrhunderte bis zur französischen Revolution.
Natürlich haben da auch andere Interessen mitgespielt. Wir wollen die Dinge so sehen, wie sie liegen. Es war nicht nur der Kampf der Konfessionen, der Reformierten gegen dir römisch-katholische Kirche, sondern es war zugleich auch der Machtkampf des Hochadels in Frankreich, um von der französischen Krone unabhängig zu werden. Und wenn Sie dies einmal parallel dazu in Deutschland nachvollziehen: wir haben zwar gelernt, der dreißigjährige Krieg sei ein Religionskrieg gewesen. Wenn Sie sich die Sache in den Geschichtsbüchern ein wenig näher anschauen, - dann merken Sie sehr rasch, daß man sich zwar auch um die Religion auseinandergesetzt hat, aber doch viel mehr im die weltliche Macht. Und gerade das auslösende Ereignis zum dreißigjährigen Krieg, nämlich der vielbeschriebene Fenstersturz in Prag, war eigentlich die Kulmination - wir würden heute sagen: - eines Staats-streiches von etwa 40 böhmischen Adligen, die sich auf diese Weise von der römischen Krone, dem Heiligen Römi-schen Reich Deutscher Nation, lossagen und einen eigenen böhmischen (heute würde man sagen: tschechoslowakischen) Staat gründen wollten.
Ähnlich lagen die Dinge auch in Frankreich. Nur etwas war dort anders: die Auseinandersetzungen zwischen den Streitenden waren ungleich blutiger und mit mehr Opfern verbunden. Frankreich zählt in der Zeit von 1562, 120 Jahre vor der Gründung von Friedrichsfeld, bis zum Jahr 1598 nicht weniger als acht sogenannte Hugenottenkriege. Heute würden wir sie bezeichnen als Bürgerkriege mit konfessionellem Anstrich. Die Sache ging los am 1. März 1562 dem vielbenannten Blutbad von Vassey durch den Herzog Guise, hatte einen traurigen Höhepunkt in der sogenannten Bartholomäusnacht. Ein Reformierter, ein Hugenotte, nämlich Heinrich von Navarra, heiratete im Jahr 1572 die Margarete von Valois. Sie war katholisch. Aber sie saß in Paris; ihr gehörte Paris. Die Hochzeit wurde auch in Paris gefeiert. Und da kam es nun zu dieser leider berühmten Blut- oder Bartholomäusnacht. Heinrich von Navarra war alles andere als ein Verfechter seiner Konfession bis zum Blut. Er hat ja gesagt: "Paris ist eine Messe wert" und ist konvertiert Aber seine Anhänger, man rechnet etwa 3000 Adlige, wurden in jener Nacht in Paris umgebracht. Darüber hinaus vermutet man, daß weitere 100000 danach im Lande umgebracht worden sind. Das auslösende Moment für dieses Blutbad war die Angst, daß die Reformierten, die mittlerweile schon sehr stark waren, und vor allem der Adel, der den reformierten Glauben angenommen hatte, soviel Macht an sich bringen würde, daß die französische Krone in Gefahr war.
Dieser Heinrich von Navarra wurde im Jahr 1598 selbst König. Und da besann er sich auf seine hugenottische oder reformierte Vergangenheit. Er erließ einen in der Geschichte bekannten Erlaß, nämlich das Edikt von Nantes. Dieses bestimmte, daß auch den Reformierten eine freie Religionsausübung zugesichert war, was es bis dahin nicht gab. Und nun schoß er etwas übers Ziel hinaus und räumte ihnen außerdem eine politische Sonderstellung ein. Das hat natürlich die Gegenseite nicht so ohne weiteres verdauen können. Nach seinem Tod im Jahr 1610 begann sich daher das Rad wieder in die andere Richtung zu drehen'. Der Kampf zwischen Katholischen und Reformierten ging erneut los. Ludwig XIV. hob 1685 das Edikt von Nantes auf. Ihm ging es unter anderem auch um die Einheit der Kirche. Schon vorher hatte das Hugenottentum in Frankreich nicht mehr viel zu lachen gehabt. Obwohl das Edikt von Nantes in Kraft war, ging seit 1610 die Verfolgung weiter und - bitte merken Sie sich das Datum, es ist Ihnen bekannt - fand einen ersten Höhepunkt im Jahr 1682.
Für die Franzosen, und damit will ich den Ausflug in die Geschichte abschließen, war es deshalb "fünf vor zwölf", vor allem für die Königskrone, weil nahezu die Hälfte des heutigen französischen Territoriums in der Hand von Fürsten war, die sich zu den Hugenotten zählten. Das ist z.B. La Rochelle drüben an der Atlantikküste, südlich der Bretagne. Es gibt auch noch einzelne Inseln um Paris herum, aber der größte zusammenhängende Landesteil war das, was wir heute die Bretagne nennen. Wenn Sie einmal nach Südfrankreich kommen, dann schauen Sie nicht nur die Schönheit der Landschaft an. Betrachten Sie vielleicht einmal das Städtchen Aigues-Mortes: das war damals eine Hugenotten-Hochburg, später das Gefängnis für Hugenotten. Oder Les Baux - daher die Bezeichnung Bauxit von dem dort vorkommenden Ausgangsrohmaterial zur Gewinnung von Aluminium - das war eine Hochburg. Heute ist es wunderbar romantisch; es war in diesen acht Hugenottenkriegen total zerstört worden. Das war die Situation im jahr 1682 auf der einen Seite.
Auf der anderen Seite müssen wir noch einen Blick tun nach Norden, genauer gesagt nach Nordewesten, nämlich auf die Verfolgung der Reformierten in den Niederlande. Die gehörten zum Heiligen deutscher Nation; der überwiegende Teil davon dem Hause Habsburg. Man hat ja gesagt: ,"Tu felix Austris, nube" (Du glückliches Österreich, heirate). So hat der berühmte Kaiser Maximilian I. mit Beinamen "der letzte Ritter" die Maria von Burgund geheiratet. Burgund war eine bedeutende Macht in Frankreich, aber dazu gehörten auch überwiegend die Niederlande. Diese Maria von Burgund brachte also mit der Eheschließung auch den größten Teil der Niederlande unter habsburgische Oberhoheit.
Die Niederlande strebten schon sehr früh, im 15. Jahrhundert, die Loslösung vom Heiligen Römischen Reich an. Sie wollten selbständig sein. Dem wirkten nun die Habsburger entgegen. Wer von Ihnen sich ein wenig in der deutschen Literatur auskennt, den möchte ich ganz kurz verweisen auf Schillers Dichtung ,"Don Carlos", und dazu auf die Oper von Verdi. Dort wird in etwa die Situation kurz angeleuchtet. Es war so, daß Kaiser Karl V., deutscher Kaiser, aber auch Habsburger und damit zugleich Oberhaupt des spanischen Königshauses, ins Kloster ging und sein Sohn Philipp von Spanien dann Deutscher Kaiser wurde. Der zog nun die Zügel schärfer an und wirkte den Loslösungsbestrebungen der Niederlande entgegen. Die Niederlande waren, Folge von Calvins Wirken, überwiegend reformiert. Niederlande meint, daß wir uns recht verstehen, nicht nur das heutige Holland, sondern auch einen Großteil Belgiens. Genau genommen waren dort zwei Volksstämme, die auch heute noch eine große Rolle spielen: im Norden die Flamen und weiter südlich im heutigen Belgien die Wallonen. Die Flamen sprachen Niederländer-Deutsch, die Wallonen mehr französisch. In der Folgezeit kam es zu heftigen Aufständen. Wilhelm von Oranien übernahm die Führung. Die Spanier ließen sich das nicht bieten, d.h. die Habsburger entsandten u.a. den berühmten Herzog von Alba in die Niederlande. Es kam zu furchtbaren blutigen Verfolgungen, zu Hinrichtungen, sogar zu Verbrennungen auf dem Scheiterhaufen. Nur ein berühmtes Beispiel wieder aus der Literatur: "Graf Egmont". Der wurde dort verbrannt. Den Niederländern ging es wieder einmal um die Freiheit, aber auf der anderen Seite war es auch ein Kampf darum, nicht mehr der Römischen Kirche angehören zu müssen. Es war ein achtzehnjähriger Krieg, der damals in den Niederlanden geführt wurde. Er wogte hin und her; mal war der eine Teil katholisch, der andere reformiert, und dann wieder anders. Wenn Sie das weiter verfolgen: im Grunde hat das erst ein Ende genommen mit dem Westfälischen Frieden am Ende des dreißigjährigen Krieges im Jahr 1648. Dort erst wurde die Unabhängigkeit der Niederlande besiegelt und der Zustand anerkannt, wie er damals gewesen ist.
Im Zuge dieser Kämpfe in den Niederlanden kamen schon im 16. Jahrhundert zahlreiche Bürger vom heutigen Holland und vom heutigen Belgien nach Deutschland. Sie haben aus demselben Grund das Land verlassen wie später die Hugenotten Frankreich. Diese Wallonen und Flarnen kamen vorwiegend an den Rhein. Damit komme ich zum zweiten, nämlich vor allem zur Pfalz.
Der Pfalzgraf bei Rhein residierte drüben in Heidelberg, später in Mannheim. Ich fange jetzt bei den Heidelbergern an: es waren Friedrich III., und vor allem Johann Casimir, die, als Anhänger Calvins und in der Folge von Calvins Wirken, in der Pfalz die reformierte Lehre eingeführt hatten. Es galt der Satz. "cuius regio, eius religo", frei übersetzt zu deutsch: Wessen Fürst ich habe dessen Religion habe ich. Was der Fürst befahl, hatten die Untertanen zu tun. Das Heidelberger Fürstenhaus wandte sich sehr früh der Lehre Calvins zu und zog auch Verbindungen zu Wilhelm von Oranien und zum französischen reformierten Hochadel, aber auch zu anderen refor-mierten Staaten. Heidelberg spielte dabei eine besondere Rolle. Denn damals wurde - das möchte ich aber nur ganz kurz erwähnen - der Heidelberger Katechismus eingeführt, der für uns in der badischen Landeskirche bis zum heutigen Tage, wenn ich es recht sehe, von Bedeutung ist.
Wer waren die nun, die da kamen? Es waren Flamen und Wallonen, die in die Pfalz strömten. Denn die Pfälzer Kurfürsten, vor allem Friedrich III. und Johann Casimir hatten, nachdem sie sich zum reformierten Glauben bekannten, auch Druck gemacht gegen die Katholischen. Sie scheuten sich nicht - das muß man auch offen sagen - den Katholischen Klöster wegzunehmen und dort die eingewan-derten Flamen und Wallonen anzusiedeln. Ich nenne nur drei solcher Siedlungen: Frankenthal, dann Schönau im Odenwald, und Lambrecht in der Pfalz. Es gab schon im 16. Jahrhundert in Mannheim und in Heidelberg eigene reformierte welsche Kirchengemeinden, aber auch in Oppen-heim, deren Prediger das Wort Gottes in ihrer Muttersprache verkündigten. Der große Strom der Flamen und wallonen kam im 16. Jahrhundert.
Jetzt muß ich Sie etwas enttäuschen. Zu diesen Wallonen gehörten auch die Dehoust, damals geschrieben de Houst. Der berühmte Walter Dehoust in Mannheim, der im Jahre 1664 Mitglied des Stadtrates wurde, wesentlich früher da als nachher die war also schon Gründer oder Besiedler von Friedrichsfeld.
Der dreißigjährige Krieg war zu Ende. Die Pfalz war fast entvölkert. Dazu kam noch die Pest, die hier gewütet hatte. Das Land war weitgehend menschenleer. Nun regierte in der Pfalz der Kurfürst Karl Ludwig. Nach ihm ist in Mannheim eine Straße genannt. Wenn Sie einmal wieder durch den Mannheimer Schloßhof gehen, dann finden Sie dort sein Denkmal. Dieser Karl Ludwig knüpfte an die Einwanderungspolitik seiner Vorgänger Friedrich III. und Johann Casimir an. Er verkündete allen, die hier in der Pfalz siedeln wollten, Privilegien, sprich: Vorrechte. Berühmt waren die Mannheimer Privilegien vom Jahre 1652. Es waren verbriefte Vorrechte für Flüchtlinge aus dem Ausland. Sie durften überall herkommen, wo sie wollten; sie durften nur eines nicht sein: katholisch. Man nannte sie Refugies. Sie können sich denken: das hat gewirkt, wenn man z.B. für soundsoviele Jahre Steuerfreiheit zugesichert bekommt. Oder man bekommt Unterstützung für die Ansiedlung usw. Daß das die Leute angelockt hat, ist klar. Man weiß heute sehr genau, daß diejenigen, die sich auf diese Privilegien stützten und in der Pfalz siedelten, nicht alle solche waren, die ihres Glaubens wegen ihr Heimatland verlassen haben, sondern da waren auch Abenteurer darunter und Spekulanten und Geschäftemacher. Das liegt in der Natur der Sache. Karl Ludwig starb 1680 und sein Sohn und Nachfolger Karl wurde Kurfürst Das war der, der nachher die Erlaubnis gab, daß in dem nachmaligen Friedrichsfeld gesiedelt wurde.
Es war Anfang 1682, da wandten sich drei Franzosen - ihre Namen sind Paul Drouin, Daniel le Loup und Pierre le Roy mit einem Gesuch an den Kurfürsten von der Pfalz. Ich lese Ihnen in französisch nur den ersten Halbsatz vor, um Sie nicht zu langweilen: "Monsieur, voici Paul Drouin, Daniel le Loup et Pierre le Roy, gui desirent de se venir etablir dans les Etats de Votre Altesse Sere-nssime Electorale, pour pouvoir vivre en la liberte de la religion." Sie sagen: wir sind drei arme Flüchtlinge; wir wollen hier nur in der Pfalz leben, und zwar in Ausübung der Religionfreiheit. Diese drei Herrschaften stammten aus der Gegend von Sedan. Sie haben nun ein offenes Ohr gefunden, denn ihnen wurde schließlich das Land hier zugewiesen. Es gab ziemlich viel Streitereien - das war übrigens ein Abzeichen für Friedrichsfeld, daß gestritten wurde bis aufs Blut, auch unter den Reformierten selbst; nachher werden wir noch hören: auch zwischen den Konfessionen. Das muß alles der Wahrheit wegen gesagt werden.
Scheinbar waren es nur diese drei, die gebeten hatten. Aber Sie müssen wissen, daß damals in Heidelberg, Mannheim, Ladenburg, Seckenheim beispielsweise, also in den alten Orten, schon "Welsche", wie man sie nannte, waren. Sie waren notdürftig untergekommen und hörten nun: hier in der Gegend tut sich was; hier kann man sich ansie-deln. So schlossen sie sich diesem Bittgesuch an. Ich kann Ihnen die Namen nennen. Es sind Namen, die heute in unserem Kreise nicht mehr bekannt sind. Delporte, Peron-ne, Quivoy, Frommery hören wir da. Und Abraham Soblet: den finden wir bereits 4683 eingetragen im Kirchenbuch von Edingen.
Im März 1682 fand eine sogenannte Tagfahrt statt. Das war eine Versammlung vor Ort. Von Seiten der Regierung hatte man einen Mann aus Kirchheim namens Hess hierher geschickt. Der sollte nun mit den Flüchtlingen reden, wo sie am gefälligsten sich ansiedeln wollten. Man führte sie in der ganzen Gegend herum bis hinüber an den Rhein und bis zum Rohrhof. Aber überall hatten sie etwas auszusetzen, z.B. die Sandäcker. Schließlich gefiel ihnen die Gegend um den Seckenheimer Hirtenbrunnen. Ungefragt ließen sie sich hier nieder. Sie hatten noch keine Erlaubnis, aber sie waren recht keck. Heute wird viel darüber gerätselt, wo dieser Seckenheimer Hirtenbrunnen steht. Im Mannheimer Morgen sind mehrere Artikel gewesen, in denen - auch fotografiert - ein Brunnen gezeigt wird, der draußen steht in der Nähe vom Roten Loch. Er ist seinerzeit vom alten Schlang aus Rheinau aufgemauert worden. Das soll er gewesen sein. Wenn Sie sich aber die Karte ansehen, dann stellen Sie fest, daß die er Brunnen haarscharf genau südlich liegen würde und nicht südwestlich. Die Älteren von Ihnen erinnern sich gewiß mit mir, daß es früher einen Brunnen gab auf dem Weg von Friedrichsfeld nach Seckenheim, in der Nähe der heutigen Schweinemästerei Koblenz. Da war eine große rote Sandstemplatte gelegen als Abdeckplatte für diesen Brunnen. Und wenn Sie weiter nachdenken über den Gewann-Namen in Seckenheim "Lämmertränke", dann kommen wir der Sache schon etwas näher. Denn dort, wo der Brunnen steht, den man heute gerne vorzeigen will, war Wald. Sie wollten aber gar nicht im Wald siedeln. Sie wollten im Freien siedeln, dort, wo Weidegelände war, wo es verhältnismäßig einfach war, den Boden umzupflügen, zu säen und zu pflanzen. Nach meinem Dafürhalten ist eine Wahrscheinlichkeit gegeben, daß es der geschilderte Brunnen eher gewesen ist. Wenn Sie sich ein Bild machen wollen, wie solche Brunnen ausgesehen haben: wir haben noch einen in der Nähe. Wenn Sie auf dem Heerweg von Edingen nach dem Grenzhof gehen, wo früher der Steck war, sehen Sie unter der Unterführung rechts noch so einen alten Brunnen angeschnitten. Diese Brunnen benötigte man, weil der Weidegang hier sehr hoch im Schwange war und weil man das Vieh natürlich auch tränken mußte. Da hat man Brunnen geschlagen. So ein Brunnen muß das gewesen sein, wo sie sich dann - wie gesagt ungefragt - niederließen. Es war die Seckenheimer Allmendwiese. Da ackerten und säten sie und fällten Bäume und verkauften sie. Das forderte natürlich den Ärger der Seckenheimer heraus, mit Recht.
Man sagt ihnen nach, daß sie schon damals sehr enge Verbindungen zu der wallonisch-reformierten Gemeinde in Mannheim hatten, vor allem zu deren Mitgliedern Pierre de Roy, Jean Maaß und Walter Dehoust. Dieser Walter Dehoust war - um es kurz zu sagen - ein Tausendsassa. Er war nicht nur Ratsherr, er war Bankier, Gerber, Müller, kurz ein ganz großer Geschäftsmann. Er hatte es zu etwas gebracht. Er hat den Flüchtlingen mit Darlehen unter die Arme gegriffen. Er hat ihnen z.B. sechs Gespanne Ochsen verkauft und dazu Darlehen gegeben, aber - schlau, wie er war - nicht ohne Sicherheit. Er ließ sich die Grundstücke verpfänden, was im Grunde genommen durch das Pri-vileg des Kurfürsten eigentlich verboten war. Wir werden das nachher noch hören.
Am 9. Mai 1682 fand wieder eine Tagfahrt statt, weil die Seckenheimer sich beschwert hatten und verlangten, sie müßten den Hirtenbrunnen räumen. Diesmal kam der Landschreiber Clapmeyer. Ihm gelingt es, sie zu überreden, mit einem Gelände zufrieden zu sein, das näher bei Edingen und beim Grenzhof liegt. Die Welschen waren im we-sentlichen damit einverstanden, aber nur unter der Bedingung, nicht getrennt zu werden. Denn es gab in der Umgebung Stimmen, die sagten: Laßt die bloß nicht auf einem Haufen hocken, sondern verteilt sie in die Dörfer, dann ist es besser. Das wollten sie nicht.
Am 18. Mai desselben Jahres fand die nächste Zusammenkunft statt. Man wollte da die Gemarkungsgrenze abstecken, aber das ist nicht gelungen. Es war sehr schwierig, weil dauernd Einsprüche kamen. Es gab auch keinen Plan. In der berühmten Schrift von F.Walter wird das folgendermaßen zitiert, wie es in den Akten beschrieben ist: "von der Steinsäule die Speirer Straße hinauf an die Grenzhöfer Gemarkung, von da gegen Grenzhof und herüber gegen Edingen, von da wieder zur Säule." Die Steinsäule ist das Denkmal der Schlacht bei Seckenheim. Man weiß ziemlich genau von einem alten Plan, nur weiß man nicht, ob er authentisch ist, daß in etwa die heutige Gemarkungsgrenze von Friedrichsfeld noch damit übereinstimmt.
Fangen wir also an der Steinsäule an. Gehen Sie einmal den Weg in Richtung Lumpezwick - das war die Grenze -, dann rüber vor der Steinzeug vorbei (die Steinzeugfabrik war auf Seckenheimer Gemarkung), dann über die Bahnlinie hinweg am Bettelpfad entlang, dann an der Schützenhütt - wie wir früher gesagt haben -, aber nicht am Wald (der war schon wieder bei Seckenheim), sondern mittendrin rü- ber zur Schwetzinger Straße, die Schwetzinger Straße hinauf, da war noch so ein Stückchen von den Äckern gegenüber den Kleingärten dabei, hinaus bis an den Grenzhöfer Wald, dann an den Birken (so heißt das Gewann, die Friedrichsfelder sagen: an de Bärke), das ist also am Waldrand entlang bis wieder auf die Edinger Gemarkung kommend. Der Steck z.B. ist auf Edinger Gemarkung. Also noch ein Gewann weiter nach Friedrichsfeld zu und dann schließlich vorm Schoeps wieder am Hagenauer Winkel herüber, dann zur Schoepsstraße raus. Die Schoepsstraße hat ja den merkwürdigen Anstrich, daß die eine Hälfte vom Straßburger Ring ab hinaus zu mannheimerisch ist, also Friedrichsfelder Gemarkung, nämlich die rechte in Richtung Edingen gesehen, während die linke auf Edinger Gemarkung liegt. Der Straßburger Ring ist genau wieder die Grenze. Wenn Sie dann den Straßburger Ring runtergehen, ist die rechte Seite in Richtung Norden gesehen Edingen, die linke Seite, wo die Wohnhäuser stehen, ist Mannheimer, also alte Friedrichsfelder Gemarkung. Dann geht es beim Foto-Thomas durch (der ist auch schon wieder bei Edingen) bis zur Steinsäule. Das war etwa diese Gemarkung, wo seinerzeit gesiedelt wurde.
Man hat die Antragsteller nun angewiesen, sich hier niederzulassen, zu roden und vor allem "flürlich" zu bauen, sprich: in der Drei-Felder-Wirtschaft. Das heißt: es sollte folgende Fruchtfolge eingehalten werden: im ersten Jahr Sommerfrucht, das nächste Jahr Winterfrucht, daraufhin die Brache, den Acker ein Jahr ruhen lassen. Das war das alte deutsche landwirtschaftliche System, das man ihnen zu verfahren aufgegeben hat. Wenn Sie wissen wollen, was da so an Sommerfrucht angepflanzt worden ist: da stand damals schon der Tabak mit im Mittelpunkt. Denn es war an den Höfen schick geworden zu rauchen, und dieses Zeug mußte ja irgendwoher kommen; das hat man al-so gepflanzt. Aber dazu gehörten auch Raps, Hanf, Lein und später Mais - man nannte ihn hierzulande ,,Welsch-korn", weil er aus dem Ausland kam - und Rüben und Ger-ste, seit dem 18. Jahrhundert auch Kartoffeln. Winterfrucht, das ist klar, waren die Wintergetreide. Und die Brache: da blieb der Acker ruhen. Man hat das Vieh zum Weiden darauf getrieben. Im nächsten Jahr hat man dann wieder gewechselt. Das waren die drei Folgen des Fruchtwechsels, die man ihnen zur Pflicht gemacht hat. So muß-ten sie auch verfahren, wie man es in Deutschland gewohnt war.
Am 8. Juli 1682 kam eine neue Tagfahrt wegen des Ausgleichs mit den Seckenheimer Grundbesitzern. Die hatten sich nämlich besonnen, daß sie hier ja auch noch Äcker hätten. Die waren zwar mit Dornen und Gestrüpp überwachsen, aber wenns halt um den Besitz geht, da kämpft man. Es waren vor allem Äcker im sogenannten Trautenfeld, das sehr nahe an der Ortsgrenze lag. Man ist sich aber sehr bald einige geworden, weil man schnell erkannt hat, daß nicht nur die Seckenheimer - es kamen dann auch noch die Edinger - wahnsinnig überspitzte Forderungen gestellt hatten, die gar nicht wahr sein konnten. Man muß wissen, daß die Gemarkung von Friedrichsfeld grob gerechnet ungefähr 225 Hektar umfaßt. Und es gab Edinger, die be-hauptet haben, sie hätten 3000 Hektar verloren.
Anfang Juli 1682 sollte die Zumessung, d.h. genauer: die Geometer-Vermessung des Dorfes und der einzelnen Höfe stattfinden. Man hat sich die Sache folgendermaßen gedacht: die Dorfstraße sollte senkrecht zum Edinger Weg verlaufen, anders ausgedrückt: der Edinger Weg mündet senkrecht auf die Dorfstraße. Der Edinger Weg, die heutige Schoepsstraße ist Ihnen bekannt, also muß die Dorfstraße die heutige Vogesenstraße gewesen sein. Die Straße sollte 100 Schuh breit werden, das ist etwa 30 Meter. Auf jeder Seite sollten dann die Gehöfte hinkommen, vor allem auf der linken Seite Richtung Süden gesehen, ebenfalls in einer Breite von 100 Schuh. Ich bin der Meinung, daß das die ersten Gehöfte waren. Später kam - ich werde es gleich noch belegen, warum - die heutige Neudorfstra-ße noch hinzu. Sie müssen sich die Ursiedlung so vor-stellen: sie besteht bereits aus zwei Straßen, nämlich aus dieser vielbeschriebenen und heute Vogesenstraße ge-nannten Dorfstraße und eben der Neudorfstraße. Warum das so ist, werde ich erklären, wenn ich an den Kirchenbau komme.
Der Kurfürst erließ ein Privileg, d.h. schriftlich verbriefte Rechte für die Ansiedler von Friedrichsfeld: welche Freiheiten sie hatten, daß sie abgabenfrei waren, mit Ausnahme eines Cappens jährlich pro Gehöft, der an den kurfürstlichen Hof geliefert werden mußte. Gemeint ist ein Capaun, also ein verschnittener Gockel. Aber sonst ging es ihnen gut. Unter anderem steht im 10. Punkt der Privilegien - sie bestanden aus 10 Punkten -: "Zum zehnten, gleich wie sie bereits einen Schulmeister haben, also wollen Wir, wann ihrer zwanzig Familien vorhanden sein werden, einen Pfarrer, so deutsch und französisch predigt, in der Nähe, etwan nach Seckenheim, Edingen oder Wieblingen setzen, welcher den Gottesdienst bei ihnen verrichten soll."
Es wurde außerdem bestimmt, daß derjenige, der sich später hier niederlassen wollte, kein Deutscher sein dürfe. Dem Kurfürsten ging es darum, hier eine rein "welsche" Siedlung zu schaffen. Es mußten Hugenotten sein. Aber nicht jeder "Hergelaufene" konnte siedeln. Er mußte von Zuhause sozusagen ein Leumundszeugnis mitbringen. Es ist interessant, daß ein Soldat aus der Kurpfalz - er stammt aus Bammental - siedeln wollte, aber abgewiesen wurde, weil er da nicht hereinpaßte. Hereingepaßt hat aber im November 1682 der Noé de la Borne mit Familie und seinem Bruder Pierre. Er war von Beruf Wollweber und stammte aus Rosiere, das liegt bei Nesle, genau gesagt zwischen St.Quentin und Amiens im Departemant Somme. Ihm wurde die Erlaubnis gegeben, denn er konnte, von seinem Pfar-rer bestätigt, nachweisen, daß er aus einer angesehenen Familie kam. So folgten schließlich noch andere Familien nach.
Aber jetzt ging der Krach unter den Hugenotten los. Die ersten, die da waren, sagten: das Areal, was uns zugewiesen wird, nehmen wir. Das teilen wir - es waren zuerst 10 oder 11 - in entsprechende Teile. Aber je mehr dann kamen, desto mehr wollten natürlich aus diesem Kuchen schneiden. Die Gemarkung wurde nicht größer, denn der Kurfürst hat nicht mehr zugelegt. Dagegen hätten sich auch die Nachbardörfer erheblich gewehrt. Deshalb war der Krach groß. Man versuchte die später Kommenden zu benachteiligen. Sie beriefen sich natürlich auch auf das Privileg. Man kann sich denken, wie die Sache ausgesehen hat. Ursprünglich sollte jeder Siedler, jede Familie 45 Morgen bekommen. Später hat man das reduziert auf 15 Morgen, dann auf 12 und schließlich auf 10 Morgen, weil so viele kamen. Der Streit im Dorf war deswegen so groß, weil sich inzwischen zwei Parteien gebildet hat-ten: die Erstansässigen und die Nachkömmlinge. Diese letzteren stammten nicht aus Sedan, sondern überwiegend aus anderen Departements. Eine größere Gruppe kam aus Calais. Sie haben sich im Dorf ziemlich handfest be-kriegt. Deshalb mußte Ordnung geschaffen werden. Man setzte 1683 den Jacgues Delporte als Schultheißen ein. Ihm wurden noch zwei Gerichtspersonen, heute würde man sagen: Schöffen, beigegeben, nämlich Pierre Fournaise und Abraham Soblet.
Man fing nun an zu roden, zu ackern, zu säen, aber der Erfolg war mies. Man weiß, daß 1683 die Ernte sehr gering war. Im November 1683 werden in Friedrichfeld bereits 28 ansässige Familien gezählt. Die Kopfzahl ist nicht bekannt. Die Ernte im Jahr 1684 war wieder gering, die im Jahr 1685 reichte gerade für den Eigenbedarf aus. Erst im Jahr 1686 wurde die erste ergiebige Ernte einge-bracht. Das führte dazu, daß der kurfürstliche Hof, der den Siedlern guttatsweise das Saatgut vorgestreckt hatte, schließlich darauf verzichtete, weil man merkte, daß bei ihnen nichts zu holen war. Die Armut ist ein Kennzeichen für Friedrichsfeld. Sie ist geblieben bis ins 20. Jahrhundert.
2. Die evangelische Gemeinde
Schon im Sommer 1683 erinnern die Flüchtlinge den Kurfürsten an Punkt 10 der Privilegien, nämlich an den versprochenen Pfarrer. Sie sagten, sie seien jetzt 30 Familien mit 120 Seelen und hätten jetzt ein Anrecht, daß ihnen ein Pfarrer zugeteilt wird. Der Kurfürst dachte aber nicht daran, ihnen einen Pfarrer speziell für den Ort zu geben. Gedacht war, wie man ja schon aus Punkt 10 der Privilegien ersehen kann, daß Friedrichsfeld eine Filialgemeinde werden sollte, und zwar besetzt mit einem Pfarrer aus einem Nachbarort, der also herkommt und ab und zu Kirche hält. Sie wollten auch gleich eine Kirche bauen. Aber die Regierung hat da gebremst.
Ende 1684 wurde Louis de Combles mit der Seelsorge in Friedrichsfeld beauftragt. Er war früher Pfarrer in Lambrecht bei den Wallonen und kam dann als Lehrer an das Pädagogium in Heidelberg. Seine Aufgabe war es, sonntags in Friedrichsfeld die Predigt und die Katechisation zu halten, und allmonatlich einen Bettag. Die Familie dieses Louis de Combles stammte aus Metz. Sein Vater Jean de Combles war Pfarrer in Billigheim (Anmerkung des Redaktors: das stimmt nicht; siehe die Angaben zu den Pfarrern), wir werden ihn in spätestens drei Jahren in Friedrichsfeld wiedertreffen, wenn er die erste Taufe in der neuen Friedrichsfelder Kirche vornimmt.
Im Jahr 1686 beginnt nun der Bau der ersten Kirche. Sie hat folgendermaßen ausgesehen: Im Erdgeschoß war die Schule und die Pfarrwohnung, im Obergeschoß der Betsaal. Solange Kein Pfarrer da war, wohnte der Schulmeister da. Das Fundament bestand aus Steinen, darüber war ein Fachwerkbau. Wenn Sie sich die Größe anschauen, müssen Sie rechnen: 1 Fuß = 30 cm. Diese Kirche hatte eine Länge von 55 Fuß, das sind 16,50 m, eine Breite von 40 Fuß, das sind 12 m und eine Höhe von 14 Fuß oder Schuh, das sind 4,20 m. Diese Kirche kostete zu bauen 1713 Gulden, die man, weil man ja arm war, nicht selber aufgebracht hat, sondern von anderen Gemeinden hauptsächlich im Wege von Kollekten.
Wir wissen genau, daß am 3. Mai 1686 der Grundstein für diese Kirche gelegt worden ist, denn wir haben noch die Grundsteinplatte. Auf dieser Zinkplatte hatte man in lateinischer Sprache eingeritzt das Datum sowie, daß man aus Gnade vom Kurfürsten hier als Siedler angenommen wurde und daß deshalb die Kirche gebaut wurde. Diese Grundsteinplatte wurde in der Kirche eingemauert.
Die Kirche stand - das ist das, was ich jetzt als endgültig gesichert ansehen kann - genau an der Stelle, wo die zweite Kirche gebaut worden ist, nämlich an der Neudorfstraße, da, wo heute die Schule steht. Nebendran war dann auch noch der Friedhof. Ich werde später noch darauf zu sprechen kommen. Die Grundsteinlegung war, wie gesagt, am 3. Mai 1686, die Einweihung der Kirche erfolgte am 3. August 1687. Der Pfarrer Jean (muß richtig heißen: Isaac) de Combles, der Vater des Louis, unseres Pfarrers, der gepredigt hat, hielt an diesem Tag die erste Taufe.
Nun muß ich Ihnen etwas sagen, was uns allen furchtbare Schwierigkeiten beim Nachforschen bereitet: diese jetzt entstandene Filialgemeinde, von Heidelberg aus pastoriert, führte leider keine Kirchenbücher. Uns fehlen in Friedrichsfeld - um es vorweg zu nehmen - für die Zeit von 1682 bis 1741 eigene Kirchenbücher. Man sollte es eigentlich nicht glauben, denn die Kirchenbücher waren ja die Unterlagen für die Standestatsachen, für Geburt, Eheschließung und Tod, also wichtige Urkunden. Es gab ja noch kein ziviles Standesamt, wie wir das heute haben. Und in Frankreich war das genauso. Man hätte also meinen sollen, daß dieser Pfarrer le Combles das eigentlich hätte machen müssen. Nun mag jemand sagen: vielleicht hat er aufgeschrieben, hat es dann aber mitgenommen. Ich glaube das nicht, denn wir finden in der Folgezeit von 1682 ab Aufzeichnungen in den Kirchenbüchern von Edingen und Seckenheim. Dazu müssen Sie wissen, daß Seckenheim einen kirchlichen Mittelpunkt für die Region bedeutete, auch weil es eigene Pfarrer hatte. Edingen war für die Reformierten nur Filialgemeinde zu Seckenheim. Als selbständige evangelische Gemeinde ist Edingen erst wieder 1741 aufgetaucht. Bis dahin war es Filial von Seckenheim mit eigenen Kirchenbüchern allerdings. So hat man je nach dem da oder dort eintragen lassen. Ich will Ihnen als Beispiel Eintragungen vorlesen, die ich in Edingen aus dem Jahr 1683 gefunden habe. Es geht allerdings aus den Eintragungen nicht hervor, welches "casial" es war, ob es Geburts- oder Sterbefälle waren. Da ist von einem La Borne-Delporte die Rede; da ist auch eine Eheschließung Paul Michot und Marie Blanchard, und dann ist eingetragen 1683 ein Abraham Soblet. Ich nehme an, daß das ein Sohn des oben Genannten ist. Im Jahre 1684 ist unter anderem ein Jean de Combles eingetragen. Ich nehme an, das ist ein Sohn des Pfarrers Louis de Combles. Aber bitte, das ist Spekulation. Mir war es leider nicht möglich, an diese Kirchenbücher heranzukommen. Ich muß aber bekennen, ich hatte nicht die Zeit dazu. Dafür wäre eine Studie besonderer Art erforderlich. Immerhin haben wir im Jahr 1683 keine Eintragung in Seckenheim. Dafür aber ist im Jahr 1684 in Seckenheim ein Noe de la Borne eingetragen. Ich will Ihnen damit nur zeigen, wie schwierig es ist, anhand von Aufzeichnungen nachzuvollziehen, was in der Gemeinde passiert ist, wie es sich damals abgespielt hat.
Es kam nun zu den sogenannten französischen Kriegen. Die hatten ja alle möglichen Namen: pfälzische Erbfolgekriege, Raubkriege oder wie man sie bezeichnen will. Was ist der Hintergrund?
Der Kurfürst, der den Friedrichsfelder Siedlern die Privilegien zusprach, sich hier ansässig zu machen, war der Kurfürst Karl, der nach dem Tode Karl Ludwigs 1680 an die Regierung kam. Er hatte nur eine kurze Regierungszeit. Schon nach 5 Jahren starb er 1685. Er stammte aus der Pfälzer Linie, die man die simmerische nennt. Mit ihm war sie jetzt ausgestorben. Sie wurde beerbt, nach dem von Anfang an gültigen Pfälzer Erbfolgegesetz, von der Neuburger Linie der Pfälzer (Neuburg an der Donau). Ludwig XIV. in Frankreich hat seinerseits die Pfalz beansprucht. Denn Sie wissen ja: die Tochter Karl Ludwigs, Lieselotte von der Pfalz, war mit seinem Bruder verheiratet. Deshalb hat Ludwig XIV. gesagt: was dem Neuburger recht ist, das ist uns billig. Wir haben genau soviel Anspruch wie die andern. Und als das nicht freiwillig herausgegeben wurde, hat er nun diesen Krieg geführt. Er ist in die Pfalz eingefallen. Wir wissen, daß der Krieg von 1688 gedauert hat, bis es wieder etwas stiller wurde etwa 1697.
Das war ein alarmierendes Signal, nicht nur, weil diese zum Teil streunenden Truppen Dörfer niedergebrannt haben - z.B. haben sie das Heidelberger Schloß zerstört -, sondern es war für die Ansiedler, die ja ihrer Herkunft nach Franzosen waren, besonders schwierig. Man berichtet von Fällen, wo manche dafür zur Rechenschaft gezogen worden sein sollen. Jedenfalls war das das Signal für die Ansiedler von Friedrichsfeld, wegzugehen und den Ort zu verlassen. Auch Friedrichsfeld wurde in diesem Krieg zerstört; es blieb kein Stein auf dem andern. Auch die Kirche wurde zerstört.
Wo sind die Friedrichsfelder nun hingekommen? Man findet den Pfarrer Louis de Combles im Jahr 1699 in Stendal wieder. Andere kamen nach Halle und Magdeburg. Auch von Mannheim sind viele geflohen, z.B. jener Walter Dehoust, von dem ich schon erzählt habe. Er ging allerdings nur in die Nähe, nach Hanau. Dort ist er dann auch gestorben. Es gibt einen Bericht - ich weiß nicht, ob man dem glauben kann -, der besagt, daß der Pfarrer de Combles mit einigen der Siedler nach dem Franzoseneinfall wieder zurückgekommen sei. Es ist möglich. Ich habe keine Anhaltspunkte, die dies bestätigen, aber auch keine, die dies ausschließen.
Tatsache ist, daß das Interesse der Siedler, nochmals nach Friedrichsfeld zurückzukehren, gering gewesen sein könnte. Und zwar schließe ich das aus folgendem: Ich habe Ihnen gesagt, der neue Kurfürst stammte aus der Neuburger Linie. Es war Philipp Wilhelm, und er war katholisch. Er erließ in den Jahren 1698 und 1699 kurfürstliche Edikte, in denen er schlicht verbot, daß neue Refugies sich in der Pfalz ansiedelten. Er stellte auch die Glaubensfreiheit zwischen den Konfessionen wieder her, die Gleichberechtigung zwischen Reformierten und Lutheranern und Katholiken. Das ist das eine, was die Geflohenen davon abgehalten haben könnte, wieder zurückzukehren. Einen von den Siedlern finden wir noch: den Noe de la Borne, denn im Jahr 1698 ist er im Seckenheimer Kirchenbuch wieder eingetragen. Daraus schließe ich, daß er sich hier in der Nähe, um Mannheim und Heidelberg herum aufgehalten hat, bis der Franzoseneinfall vorüber war.
Ein weiteres Moment kommt hinzu, was nicht gerade günstig für die Sache der Reformierten war: das war die pfälzische Kirchenteilung vom Jahr 1707. Gemeint ist die Teilung des Kirchenvermögens, soweit es Zentralvermögen war, aus dem man beispielsweise besoldet hat, aus dem man Gelder zum Bauen gegeben hat. Man hat dieses Vermögen geteilt, weil die anderen Konfessionen (Anmerkung des Redaktors: nur die Katholiken, nicht aber die Lutheraner!) damals auch teilhaben sollten. Man spricht davon, daß 27 reformierte Gemeinden "ausgefallen" seien, also ihre Ansprüche verloren hätten, vom Zentralvermögen etwas zu kriegen. Dabei wird, wie Walter in seinem Büchlein schreibt, auch Friedrichsfeld aufgezählt, obwohl Friedrichsfeld niemals Ansprüche gegen dieses Kirchenvermögen gehabt hat. Was man nicht gehabt hat, kann man auch nicht verlieren.
Aber wir haben jetzt die Zeit, in der Sie sich Friedrichsfeld als Trümmerhaufen vorstellen müssen. Da gab es nun Leute, die sagten: warum soll man hier nicht weiter siedeln? Und wir stellen einen Siedlerzustrom fest, der aus der näheren Umgebung kommt. Auf die Religion wurde dabei überhaupt nicht mehr geachtet. Ich werde Ihnen nachher, wenn ich die katholische Geschichte vortrage, zeigen, daß damals schon in den Kirchenbüchern der katholischen Kirche in Seckenheim Namen von Personen auftauchen, die sich hier in Friedrichsfeld ansässig gemacht haben.
Die reformierte Gemeinde soll - so wird behauptet, aber da streiten sich die Gelehrten; auch in dem neuesten Buch von Probst über Seckenheim gibt es Widersprüche gegenüber anderen Quellen - in der Zeit von 1698 bis 1712 pastoriert worden sein von einem wallonischen Pfarrer aus Heidelberg. In der einen Quelle wird er Mario genannt. Anders stellt es Probst dar: er sagt, das war der Mannheimer französisch-reformierte Pfarrer Jean-Jacques Marius. (Anmerkung des Redaktors: siehe zur Klärung dieser Frage die Angaben zu den Pfarrern am Ende dieser Schrift). Das kann sein. Fest steht jedenfalls, daß dieser Mario da war. Ob er aber die ganze Zeit als Seelsorger für die Reformjerten tätig war, das scheint mir zweifelhaft zu sein. Denn es gibt in dieser Zeit - ich habe es schon gesagt - keine Kirchenbücher. Auf festen gesicherten historischen Boden kommen wir erstmals im Jahr 1712. Dort erscheint nun der Pfarrer Maurice Zeller. Er stammt aus Frankreich. Jetzt ist er in Heidelberg und leitet dort die reformierte Gemeinde. Kurz: er hat den Auftrag, in Friedrichsfeld ebenfalls Kirche zu halten. Wir würden heute sagen: Friedrichsfeld wurde von Heidelberg aus pastoriert. Auch er legt kein Kirchenbuch an, sondern die Einträge in Seckenheim gehen weiter. In jener Zeit war das Völkchen, das sich in Friedrichsfeld niedergelassen hatte, von den Konfessionen her gesehen bunt gemischt. In einer amtlichen Statistik hat man festgestellt, daß im Jahr 1724 nur sechs Familien Reformierte hier waren. Pfarrer Zeller hielt in Friedrichsfeld alle 14 Tage Gottesdienst. Eine Kirche war nicht vorhanden. Der Gottesdienst fand in einem gemieteten Raum statt. Der Pfarrer erhielt dafür im Jahr 20 Gulden, 16 Malter Korn, 27 Malter Gerste und, weil er den Pfarrgarten nicht nutzen konnte - das war wichtig! - eine Entschädigung von weiteren 6 Gulden. Dieser Friedrichsfelder Pfarrgarten - Sie glauben es nicht! - war ein Zankapfel, der vor allem den Seckenheimer Pfarrer erregte. Der sagte: der Pfarrgarten geht mir verloren, ich hätte ihn eigentlich nutzen dürfen.
Man hat auch einen reformierten Lehrer. Der bekam für seine Tätigkeit im Jahr 10 Malter Korn und 15 Gulden. 1727 zählt Friedrichsfeld nach der amtlichen Statistik 71 Einwohner, und zwar 39 Katholiken, die von Seckenheim aus pastoriert wurden, 29 Reformierte, von Heidelberg aus pastoriert, und 3 Lutheraner, von Ladenburg aus pastoriert.
Die Zustände in Friedrichsfeld waren alles andere als friedlich und schön. Ich habe eine Quelle gefunden, die von regelrechten Streitigkeiten mit Gewalttätigkeiten zwischen Reformierten und Katholischen in der Zeit von 1712 bis 1727 berichtet. Hier war Krieg. Und zwar hatte das folgenden Grund: Die Katholiken sagten: wir sind gleichberechtigt. So forderten sie den alten reformierten Kirchgarten an der heutigen Neudorfstraße und gaben vor, sie wollten dort eine Kapelle bauen. Sie sagten, dieser Platz sei Allgemeingut und gehöre nicht mehr den Reformierten. Der Streit nahm deshalb solche Formen an, weil in Friedrichsfeld kein Pfarrer war. Vielleicht wäre es einem Pfarrer gelungen, hier etwas zu schlichten. Die Streitigkeiten scheinen ganz schöne Ausmaße angenommen und bis zum Jahr 1726 angehalten zu haben, nach dem, was ich in den Quellen gefunden habe. Es wird dann bescheinigt, daß sich die Gewalttätigkeiten in der Zeit von 1726 bis 1738 gemildert hätten; die Rivalität war aber immer noch da.
Die Reformierten bestehen darauf, daß ihre Kirche am alten Kirchplatz wieder aufgebaut wird. Sie machen in den Jahren 1730 und 1738 zwei Eingaben an die sogenannte geistliche Administration - gemeint ist die Verwaltung der Kirchengefälle - um Zuwendung von 100 oder 200 Thalern. Diese Eingaben waren unterschrieben von Pfarrer Zeller, Hans Wendel Maaß und einem Herrn Jean Deuil. Der gleiche Herr schreibt sich acht Jahre später nicht mehr Jean Deuil, sondern Johannes Doll. Er war da nicht der einzige. Es gab in jener Zeit sehr viele, die gar nicht mehr so sehr auf ihre französischen Namen Wert gelegt haben, sondern versucht haben, ihre Namen einzudeutschen, sei es dem Klang nach, sei es dem Sinn nach. So gab es in Mannheim einen Ratsherrn, der hieß Froidmanteau, der hat sich nachher Kaltmantel genannt. Das ist also nicht außergewöhnlich.
Die Eingaben hatten Erfolg. Wir stellen fest, daß ab dem Jahr 1738 der Bau der zweiten Kirche in Friedrichsfeld beginnt und zwar auf den alten Fundamenten. Die Grundsteinlegung - da wissen wir den Tag genau - war am 21. April 1738. Die Reformierten hatten die alte Grundsteintafel, haben sie umgedreht und auf der Rückseite nun die Inschrift über die zweite Grundsteinlegung eingeritzt. Sie werden fragen, woher wir die Tafel haben. Sie blieb natürlich im Grundstein drin. Als im Jahr 1903 jene Kirche abgerissen wurde, hat man die Grundsteintafel genommen und in Holz gefaßt. Sie hängt heute in der Sakristei der jetzigen Kirche. Wir haben sogar noch den Stein dazu. Als das Johannes-Calvin-Gemeindehaus, in dem wir sind, gebaut wurde, fand man ihn da vorne. Es ist ein roter Sandstein, hohl, mit einem Falz oben und einem zugehörigen Deckel darauf.
Die Baukosten für diese zweite Kirche wurden bestritten aus Kollektengeldern und aus Zuschüssen von der geistlichen Administration. Es war ein mühseliges Werk. Wir müssen annehmen, daß die Bauzeit nahezu vier Jahre betragen hat. Wir dürfen davon ausgehen, daß erst 1742 die Kirche vollendet war. Glocken gab es nicht. Man höre und staune: es wurde ausgeschellt. In einem Bericht heißt es wörtlich: "Die Schelle ging durchs Dorf und verkündete den Beginn des Gottesdienstes"! Zunächst hatte man auch keine Orgel. Erst im Jahr 1780, also fast 40 Jahre später, wurde "ein kleines Glöcklein" angeschafft, wie es heißt, und eine "geringe Orgel". Im Jahr 1822 erst kaufte die Gemeinde eine größere Glocke und zwar für 170 Gulden von der Luther-Gemeinde Schriesheim.
Was es nicht alles gibt: der Glockendiebstahl in Friedrichsfeld! Der Kirchengemeinderat von Friedrichsfeld - ich habe noch das alte Ratsprotokoll - sollte tagen am 30. März im Jahr 1852. Das Protokoll beginnt, in der Handschrift von Pfarrer Schütz, mit der Feststellung, daß die kleine Glocke fehlt, wahrscheinlich gestohlen. Gleich hintendran ist vermerkt: sie ist auch nicht mehr aufgefunden worden.
Der nächste Streitpunkt, wenn wir schon beim Streiten sind: ich habe es schon erwähnt, daß der Streit um den Friedrichsfelder Pfarrgarten schon seit 1707 ging. Damals soll der Pfarrer Mario oder Marius sich dagegen verwahrt haben, daß der Pfarrgarten jetzt als Kirchhof verwendet wird. Er hat gefordert, daß der Garten an den Pfarrer zur Nutzung zurückgegeben wird und daß die Gräber entfernt werden. Er ist aber mit diesem Verlangen nicht durchgedrungen, denn er hat ja dann Friedrichsfeld verlassen. Man hat die Sache recht lange auf sich beruhen lassen, bis im Jahr 1741 schließlich entschieden wurde: der Kirchhof bleibt auf dem alten Pfarrgarten und der Pfarrgarten wird weiter nach hinten verlegt in Richtung Osten, also hinter die Schule.
Ein Wort zur Schule, denn die Schule gehörte noch im 18. Jahrhundert zur Kirche. Ich stieß auf einen Bericht, den der Edinger Pfarrer Schütz im Jahr 1866 - 80 Seiten lang - an den Oberkirchenrat geschrieben hat. Darin steht, daß der katholische Schulmeister das Schulhaus erhalten hat. Wo es stand, wird allerdings nicht gesagt. Man hat es den Katholiken überlassen, denn der evangelische Lehrer hält die Schule im eigenen Haus, später in einer Mietwohnung. Aber man erfährt, daß im Jahr 1799 ein kleines Häuschen gegenüber der Kronen-Wirtschaft - das ist also gegenüber dem neuen Rathaus; das müßte in etwa die Gegend vom Nowak'schen Haus sein - angekauft und als Schule verwendet wurde. Im Jahr 1824 hat die evangelische Gemeinde dieses Haus samt seinem Grundstück vertauscht gegen ein Grundstück neben der Kirche, also an der NeudorfstraBe. Und im Jahr 1862 wurde mit dem Bau einer neuen Schule begonnen dort, wo heute das grüne Haus neben der jetzigen Schule steht, in dem die Lehrerwohnung war. Das war früher einmal die Schule. Und zwar hat man sie bezeichnet als evangelische Schule. Man hat aber zugelassen, daß auch die katholischen Kinder dort unterrichtet wurden. Und man hat fein säuberlich die Kosten auseinanderdividiert. Der Bau dieses Schulhauses hat 3735 Gulden verschlungen. Entsprechend der Kopfzahl gerechnet mußten die Katholiken tragen 1124,50 Gulden und die Evangelischen 2610,10 Gulden.
Noch ein Wort zu Pfarrer Zeller. Er hieß Maurice, später Moritz geschrieben. Der zog im Jahr 1738 von Heidelberg nach Seckenheim und übernahm die dortige reformierte Gemeinde, wozu - wie gesagt - auch Edingen als Filialgemeinde gehörte. Er ist allerdings in Seckenheim seines Lebens nicht froh geworden, denn die Seckenheimer mochten ihn wegen seines schlechten Deutsch nicht. Sie haben gesagt, weder jung noch alt würden ihn verstehen. Er blieb aber bis zu seinem Tod 1741. Sie erinnern sich: in seine Amtszeit fallen die Grundsteinlegung und der Bau der zweiten Kirche.
Ich bin in der Lage, aus dem Protokoll einmal vorzuführen, wie so eine Feier vonstatten ging. Ich darf dies hier einschieben. So fand eine Kirchenweihe statt (aus dem Ratsprotokoll des Kirchengemeinderats vom 19. Mai 1852):
"Da nun die Kirche zu Friedrichsfeld vollständig hergestellt ist, so beriet man sich darüber, wie man die Einweihung derselben begehen wollte." (Die Einweihung hat, um es vorweg zu sagen, am 22. Mai stattgefunden.) Man beschloß, Herrn Dekan Eberlin von Neckarau, Pfarrer Erckenbrecht von Plankstadt und Pfarrer Bös von Eppelheim einzuladen. Man setzte die Feier fest auf Sonntag Trinitatis, am 22. Mai, vormittags 11 Uhr, aus Rücksicht auf die Geistlichen, welche noch in ihren Gemeinden Gottesdienst zu halten haben. Außerdem beschloß man, Herrn Oberamtmann Bilger aus Schwetzingen - heute dem Landrat vergleichbar; damals gehörte Friedrichsfeld zum Amtsbezirk Schwetzingen - sowie den Bürgermeister und den Gemeinderat von Friedrichsfeld zu der Feier einzuladen. Es dürfte auch geeignet sein, den Kirchengemeinderat von Edingen und den Edinger Bürgermeister Sponagel einzuladen.
Die Gemeinde soll sich auf der Kreuzstraße versammeln. Es gab also eine Kreuzstraße. Nun muß ich Ihnen ganz rasch einen Plan zeigen. Sie stehen auf der Neudorfstraße vor der Schule. Sie müssen sich vorstellen, daß dies das vordere Schulhaus ist. Hier war das Schulgrundstück, von dem ich gesprochen habe, dahinter der Hof, der Stall - denn der Lehrer mußte ja von etwas leben -, die Scheune und sein Garten hintendran. Dann der Eingang zum Pfarrgarten, vorne links die Kirche, nebendran das Gelände, wie es der Pfarrer beschrieben hat, der Gottesacker mit dem Tor, und dahinter der Pfarrgarten. Neben dran war ein Häuschen, ein Privatgebäude - die Alten wissen, welches es ist: das "Probschte-Häusel". Da steht dabei - aber das glaube ich nicht; der Pfarrer Schütz hat sich das wahrscheinlich so eingebildet -, das sei das frühere Pfarrhaus gewesen. Aber wir haben ja zu dieser Zeit, wie Sie gemerkt haben, gar keinen Pfarrer in Friedrichsfeld. Diesen Pfarrgarten müssen Sie sich verlängert vorstellen bis an den heutigen Straßburger Ring. Wer von den Älteren sich noch an Gewann-Namen entsinnt: die Gewanne zwischen der Kolmarerstraße und dem Straßburger Ring, wo auch die Schlettstadterstraße eingelegt wurde, hießen "Im Pfarrgarten".
Vor der Kirche stand also ein Kreuz. Daraus ist zu entnehmen, daß die Neudorfstraße nicht Neudorf- oder Grenzhöferstraße hieß, sondern die Kreuzstraße.
Nun hat man sich das ganze folgendermaßen gedacht: Die Gemeinde soll sich auf der Kreuzstraße versammeln. Die Pfarrer und die übrigen Herren samt dem Schullehrer versammeln sich nebendran im Schulhaus. Die Gemeinde mit den Kirchengemeinderäten wartet auf der Kreuzstraße, bis sie von ihnen abgeholt wird. Passend würde es sein, wenn die Bibel und die "vasa sacra", das sind die Kelche, von den Gemeinderäten in die Kirche getragen würden. Nun soll sich der Zug in die Kirche bewegen, vorne dran der Lehrer mit den Schulkindern, dann die übrigen Herren unter Gesang des Liedes 306 und Glockenklang. An der Kirche angekommen bildet der Lehrer mit der Jugend zwei Reihen, durch welche nun die Geistlichen in die Kirche schreiten. Ihnen schließt sich der Lehrer mit der Jugend an. Um die Ordnung zu handhaben, stehen außerhalb der Kirche zwei Bürger, innerhalb der Kirchentüren ebenfalls zwei, an den unteren Kirchenstühlen zwei und auf der Emporenbühne wieder zwei, welche über die Ordnung wachen. Hierauf wird das Eingangslied 328, nach dem Altargebet 317 als Hauptlied und am Schluß Lied 163,4 gesungen. An der Kirchentüre wird von den Kirchenvorstehern eine Kollekte zu erheben sein. Nach dem Gottesdienst ist ein frugales Mahl bei Philipp Dehoust im "Pflug" bestimmt, an welchem die Geistlichen, Lehrer und Kirchenvorstände teilnehmen (also nicht alle Anwesenden!). Außerdem wird die Kirche, Altäre, Kanzel, Stühle der Kirchenvorsteher und Orgel festlich bekränzt. Dies alles wurde vorgelesen, genehmigt und unterschrieben. So war also das Einweihungsfest damals.
Ich komme zurück zu Pfarrer Zeller. Als er starb, begann für Friedrichsfeld nun endlich ein urkundlich belegtes eigenes Gemeindeleben. Edingen wird jetzt wieder zur selbständigen Kirchengemeinde erhoben mit Friedrichsfeld als Filialgemeinde. Ab 1741 haben wir ein Kirchenbuch, das noch hier im Pfarramt ist.
Es sei noch kurz angemerkt, was ich vorher angedeutet habe: der alte Streit ging noch weiter. Durch die Abtrennung Edingens von Seckenheim waren natürlich die Einkünfte des Seckenheimer Pfarrers geschmälert. Dabei ging es auch wieder um die Nutzung aus dem Friedrichsfelder Pfarrgarten. Der Streit zog sich hin bis zum Jahr 1790. Die Obrigkeit, d.h. die Behörde wollte dem Seckenheimer Pfarrer nur 12 Gulden als Entschädigung zahlen. Doch er sagte: der Pfarrgarten ist so fruchtbar, daß er 45 Gulden erbringt. Daraufhin hat man die beiden Bürgermeister von Edingen und Seckenheim nach Friedrichsfeld geschickt. Sie haben sachverständig festgestellt: das ist ein guter Boden, der erbringt 45 Gulden.
Schon im Jahr 1848 betreibt die Gemeinde die Kirchenerweiterung. Sie sammelt selbst und erhält dafür auch in der Folgezeit Kollektengelder des Dekanats Heidelberg und aus Baden überhaupt. 1852 beginnt man mit der Erweiterung. Alles Zubehör wird fein säuberlich aufgenommen und bei einem Herrn Jakob Kopp untergestellt. Dieser Jakob Kopp entwickelt sich dann auch zum Fron-Meister, wie es heißt. Das bedeutet: die Bürger mußten unbezahlte Arbeit leisten. Diese mußte ja koordiniert werden, und das hat der Jakob Kopp, wie geschrieben wird, gut gemacht. Danach wuchs der Bau. Man bestellte dann Knopf, Kreuz und Hahn für den Turm. Eine neue Glocke wurde bestellt beim Glockengießer Riedel aus Wiesental. Der Schulmeister verpflichtete sich, für 15 Gulden im Jahr jeden Tag das Abendgebet zu läuten. Wie schon ausgeführt, fand am 22. Mai die Weihe der neuen Kirche statt. Nachdem nun die neue Kirche stand, hat man 1862 auch das neue Schulhaus gebaut, links von der Kirche.
Ab 1866 geht der Krach nun wieder los. Jetzt wollen die Friedrichsfelder einen eigenen Pfarrer. Die Kirche haben sie, sie ist größer. Sie wollen nicht unverschämt sein, sie wollen nur einen eigenen Vikar für Friedrichsfeld. Es genügt ihnen, wenn sie nur ein eigenes Vikariat kriegen. Aber das mußte ja mit dem Pfarrer von Edingen beschlossen werden. Dieser hatte damals einen Vikar namens Eberlin. Den hat er ab und zu einmal zu den Sitzungen nach Friedrichsfeld in den Kirchengemeinderat geschickt. Da ging es oft nicht gerade sehr zimperlich zu. Eines Tages haben die Räte dem Vikar buchstäblich erklärt, er habe jetzt dafür zu sorgen, daß Friedrichsfeld einen Vikar bekommt. Da er selbst das Protokoll geschrieben hat, hat er das folgendermaßen gefaßt: Nachdem zunächst gesagt wird: jawohl, wir wollen ein eigenes Vikariat, schreibt er dazu dann: "es sollten doch vorerst, wie es schon früher beantragt wurde, auch die Pfarräcker und die Erhaltung des Vikars beantragt werden. Erhaltung des Vikars bei Edingen." Daraufhin gabs ganz offensichtlich Krach. Denn die Friedrichsfelder Kirchengemeinderäte haben die Unterschrift verweigert. So schreibt der Vikar dann unten dazu: "Wegen letzterem Zusatz von den Kirchengemeinderäten die Unterschrift verweigert. Eberlin, Vikar."
Die Anträge auf einen eigenen Vikar wiederholten sich. Es ging dann soweit, daß man den Hebel woanders angesetzt hat. Man hat gesagt: Edingen kann es ja gar nicht mehr so machen, wie wir es brauchen. Da gibt es dann wunderschöne Eingaben in der Zeit von 1851 bis 1861. Es wird berichtet von der Friedrichsfelder Klage -unter- schrieben von einem Herrn Maaß, Johann Dehoust und Jakob Lutz -, daß nur alle 14 Tage in Friedrichsfeld Gottesdienst gehalten würde, und zwar im Sommer morgens und im Winter nachmittags. Der Nachmittagsgottesdienst sei nur schlecht besucht, weil die Leute oft über Land gingen. Sie wollten jeden Sonntag Gottesdienst. Als der Pfarrer gefragt wird, wie er dazu steht, sagt er: ja, ich kann es nicht anders machen. Daraufhin prüft der Oberkirchenrat die Sache, aber nur unter dem Gesichtspunkt, ob man gegen den Pfarrer einschreiten müßte wegen Pflichtverletzung. Das wurde dann unterlassen.
1861 beklagen sich die Friedrichsfelder darüber, daß an sie das Ansinnen gestellt wurde, jeden zweiten Sonntag, wenn der Pfarrer nicht predigt, solle der Hauptlehrer Reinmuth in Friedrichsfeld eine Predigt vorlesen. Das haben sie rundweg abgelehnt. Darauf entscheidet der Oberkirchenrat, es seien keine Mittel vorhanden. 1866 macht sich unser Bürgermeister Maaß mit den Kirchengemeinderäten und dem Pfarrer stark und sagt: so, jetzt muß etwas geschehen; jetzt muß einmal ein ganz geharnischtes Schreiben los. Es wird auch geschrieben, und - offenbar in der Überzeugung, daß die Karlsruher nicht wüßten, was hier in Friedrichsfeld los ist - wird der Pfarrer beauftragt, einen entsprechenden Bericht zu machen. Der Pfarrer Schütz schreibt nun einen 80 Seiten langen Bericht über die Geschichte von Friedrichsfeld. Ich habe ihn im Archiv beim Evangelischen Oberkirchenrat gefunden. Ich behaupte nicht, daß er authentisch ist, aber es ist ganz interessant, was da alles hineingeschrieben wurde. Er leidet nur etwas darunter, daß die Schrift von Pfarrer Schütz nicht immer leserlich ist.
Das war also die letzte Eingabe von 1866. Die allerletzte, die ich gefunden habe, stammt vom 12.7.1895. Sie ist eine ziemlich massive Klage. Da hat man nicht einmal den Pfarrer unterschreiben lassen. Es haben nur die Kirchengemeinderäte selbst und der Bürgermeister unterschrieben. Diese Eingabe enthält nämlich u.a. eine Klage gegen den Edinger Pfarrer. Die Räte stellen schlicht und einfach die Forderung: Edingen braucht einen neuen Pfarrer und wir einen eigenen Vikar. Denn der alte Herr - er wird nie beim Namen genannt - könne das gar nicht mehr. Der "alte Herr" war ein gewisser Pfarrer Herrmann (Anmerkung des Redaktors: das stimmt so nicht, siehe die Ausführungen über die Pfarrer!).
1904 endlich verfügte der Evangelische Oberkirchenrat, daß Friedrichsfeld zum selbständigen Vikariat erhoben wird. Und es zieht hier auf ein Vikar Hermann Schönthal, der seine erste Kirchengemeinderatssitzung am 29. Dezember 1904 hält. Er übernimmt am 16. Januar 1905 ganz offiziell vom Edinger Pfarrer Eckhardt die Amtsgeschäfte für Friedrichsfeld. Erst am 1.10.1910 kommt der Erlaß des Evangelischen Oberkirchenrats, daß Friedrichsfeld selbständige Kirchengemeinde mit eigener Pfarrei beim Kirchenbezirk Oberheidelberg wird. Vikar Schönthal wird zum Pfarrer bestellt. Er zieht dann 1911 in das neu erbaute Pfarrhaus, nachdem er zunächst in Miete in der Neudorfstraße gewohnt hat, bei Bäcker Reinhard (später Kaiser, heute Rothermel).
Falls es Sie interessiert, könnte ich Ihnen die Reihe der Edinger Pfarrer hersagen, die alle da waren. Einen habe ich Ihnen schon genannt, den letzten, der vor allem auch verantwortlich war für den Bau der neuen Kirche, den Pfarrer Eckhardt. Der "alte Herr", der Pfarrer Herrmann, war nur zwei Jahre da, bis er durch den sehr tatkräftigen Pfarrer Eckhardt abgelöst wurde (siehe dazu die vorige Anmerkung und die Angaben zu den Pfarrern). Pfarrer Schönthal hatte das Pfarramt inne bis zum Jahre 1950, dann war als Verwalter des Pfarramts da Pfarrer Fuchs 1950-1951, ab 1951 bis 1966 Pfarrer Birkholz, von 1966 bis 1973 Pfarrer Steuernagel, und seit 1973 Pfarrer Cramer.
Kurz noch ein Blick auf den Neubau der heutigen Kirche. Schon 1887 dachte man wegen des starken Anwachsens der Kirchengemeinde an einen neuen Kirchenbau. Es wurde beschlossen, baldigst, spätestens 1899 einen Kirchenbau-Verein zu gründen. In der Sitzung des Kirchengemeinderats am 28. Juli 1899 wurde einstimmig beschlossen, daß die neue Kirche gebaut wird. Man hat dem Oberkirchenrat klargemacht, daß es mit der alten nicht mehr geht, und hat verwiesen auf die katholische Kirche, die in der Zwischenzeit gebaut worden war. Man sagte: Die haben jetzt eine schöne Kirche, wir wollen auch eine. Der Kirchenbau-Verein wurde gegründet. Die Steinzeugwarenfabrik - federführend war Direktor Hoffmann -spendete 6000 Mark. Das war mit einer Gründe für einen Wunsch des Direktors Hoffmann, den er nachher, im Jahr 1911, an die Kirchengemeinde herangetragen hat. Das muß ich Ihnen erzählen, weil viele von Ihnen es nicht wissen. Durch den Kirchengemeinderat wurde nach diesem Wunsch beschlossen, daß seine Urne, wenn er verstorben sei, in der Kirche aufbewahrt werde. Wenn Sie in die Kirche hineingehen, sehen Sie auf der rechten Seite eine Bronzetafel mit dem Relief von Direktor Hoffmann. Dahinter steht die Urne. Vor wenigen Tagen wurde ich gefragt, ob das wahr sei. Es gibt Nachfahren des Direktor Hoffmann, die Ahnenforschung treiben - ein Neffe von ihm war der frühere Prokurist der Steinzeug, Erich Baltzer, der im letzten Jahr gestorben ist - und die angefragt haben. Eine direkte Nachkommin von ihm hat gesagt, sie könne nicht glauben, daß es so etwas gäbe. Ich konnte dann die Auskunft geben: das gibt's.
Die Pläne für die neue Kirche wurden entwickelt von der Kirchenbau-Inspektion Heidelberg. Diese Pläne wurden vom Kirchengemeinderat genehmigt. Der Gesamtaufwand für die Kirche betrug 99.215 Mark. 1901 fand die Grundsteinlegung statt, eineinhalb Jahre später, am 16. Oktober 1902 wurde die Kirche im Beisein des Großherzoglichen Ehepaares geweiht.
Der alte Kirchplatz (Kirche mit Friedhof an der Neudorfstraße) wurde an die politische Gemeinde verkauft, damit dort eine Schule gebaut werden konnte. Der Kaufvertrag stammt vom 30.12.1900. Die Straße hieß damals noch nicht Wallonenstraße, sondern Ringstraße. Die Kirche steht auf zwei Grundstücken, die die Gemeinde erworben hat, das eine von August Kahrmann zum Preis von 150 Mark pro Ar, das zweite vom Schneidermeister Konrad Heil für 2000 Mark. Die Orgel für die neue Kirche wurde von der Firmt Freund und Söhne in Durlach gekauft für 6.150 Mark.
Noch ein Wort zum Gemeindehaus in der Wallonenstraße 10. Das ist besonders bemerkenswert. Schon im Jahr 1894 hat die Friedrichsfelder Gemeinde den Frauenverein gegründet, unseren heutigen Gemeindeverein. Vereinszweck war die Errichtung einer Kleinkinderschule und der Schwesternstation- wir würden heute ganz modern sagen: einer Sozialstation. Die Kleinkinderschule war vom 1. April 1894 ab eingerichtet im Hause Neudorfstraße 10 (Anwesen Vogel). Eine der ersten Schwestern, die dort gewirkt hat - bei der ich auch im Kindergarten war - war die Schwester Luise Reinhold.
Die Krankenpflegestation besteht angeblich seit 1. Dezember 1894, und zwar wird gesagt: in einem Haus in der Wallonenstraße 10. Ich habe gewisse Zweifel, ob diese Angabe belegt werden kann, und zwar aus folgendem Grund: Das Grundstück Wallonenstraße 10 vorderer Teil mit einer Größe von 5 Ar 97 qm wurde mit Vertrag vom 2.7.1898 der Kirchengemeinde, genauer dem Kirchen-Almosenfonds, geschenkt, von keinem geringeren als dem Landwirt und Gastwirt Ludwig Koch II. (der "Addel" genannt)! Aus einer anderen Notiz weiß ich, daß ein Jahr zuvor in einer Gemeindeversammlung schon zwei Mitglieder gemeldet hatten, daß der neue Kinderschulbau fast fertig sei. Man weiß auch, wie er ausgesehen hat: ein verhältnismäßig kleines Haus mit gewölbtem Keller, einer Holzremise und Hof. Wer von Ihnen sich noch an die alte Nähschule vorne erinnern kann: dem entspricht das. Ich kann es nicht belegen, aber es scheint so zu sein, daß diese Kinderschule zunächst auf dem Koch'schen Anwesen mit Kochs Erlaubnis gebaut wurde, weil er es ohnehin verschenken wollte. Ich kann mir nicht vorstellen, daß dort schon vorher etwas gestanden haben soll.
Die Sache mit der Kinderschule geht folgendermaßen weiter: Die alte wird zu klein; man braucht einen Neubau. Deshalb werden hierzu vom gleichen Eigentümer im Jahre 1911 weitere 5 ar dahinter gekauft für 950 Mark. Die Gemeinde hat aber das Geld nicht. Und jetzt kommt etwas ganz Bemerkenswertes für unsere evangelische Kirchengemeinde: das Geld wurde der Gemeinde vom Frauenverein gegeben. Solche Finanzierungstricks wurden also auch schon in der Vergangenheit angewandt. Der Baubeginn nach Plänen von Architekt Mölln war 1911; der Voranschlag betrug 18.000 Mark. Von den Grundstücken, die man - wie gesagt - nach und nach von Herrn Koch erworben hatte, hat man 14 qm dem Nachbarn Heil wieder abgegeben, damit er wieder eine breitere Einfahrt bekam; das andere auf der andern Seite dem Herrn Gottmann, damit er sich besser ausdehnen konnte.
Die Gemeinde hat - mit Neu-Edingen - zur Zeit 3600 Seelen. Von den Organisationen seien noch erwähnt der frühere Frauenverein, der jetzige Gemeindeverein, und der Kirchenchor, der 1887 gegründet wurde und in fünf Jahren sein 100-jähriges Jubiläum feiern kann.
3. Die katholische Gemeinde
Wenn wir an die Wurzeln der katholischen Kirchengemeinde zurückgehen wollen, kommen wir in die Zeit von 1685 mit dem Tod von Kurfürst Karl, nach dem die katholische Neuburger Linie an die Macht kam und zunächst die Gleichberechtigung zwischen den Konfessionen hergestellt hat. Vor allem in den Jahren 1698 und 1699 ergingen Edikte, wonach keine Réfugiés mehr einwandern oder ansiedeln durften.
Ich habe Ihnen schon eingangs gesagt, daß bei der zweiten Besiedlung die Katholiken ausschließlich nach Seckenheim orientiert waren. Das blieb so, bis sie schließlich eine selbständige Gemeinde geworden sind. Der erste Pfarrer, der hier war, war Peter Pfister. Sein Grab ist hier auf dem Friedhof. Wenn Sie durch den Haupteingang gehen, stoßen Sie direkt darauf. Er hat sich gleich zu Beginn seiner Amtstätigkeit einmal die Mühe genommen, aus den Seckenheimer Kirchenbüchern die Taufen, Eheschließungen und Todesfälle herauszuschreiben. Daraufhin sagte er: das kann ja gar nicht sein, daß die Gründung von Friedrichsfeld ausschließlich eine Angelegenheit der Reformierten war; da müssen auch Katholiken dabei gewesen sein.
Die erste Aufzeichnung, die er feststellt, stammte ausdem Jahr 1696. Sie erinnern sich: der Franzoseneinfall war bereits vorüber. Es ist der Beginn der zweiten Besiedlungs-Periode. Bei der ersten können wirklich keine Katholiken dabei gewesen sein, weil das vom Kurfürsten verboten war, aber bei der zweiten. Die erste Eintragung vom Jahr 1696 ist die Taufe - beurkundet wurde nicht die Geburt, sondern die Taufe - der Maria Grafin oder Gräfin "ex Franconia", aus Frankreich also. 1698 eine oder ein gewisser Daquet (Vorname fehlt), also auch ein französischer Name, 1706 Thomas filius des Franzosen Jakob, Einwohner in Friedrichsfeld. Dann 1707 Johann Georg, Sohn des Adam Ries. Bei dem steht dabei: "praetoris in Friedrichsfeld", also Vorsteher. Das könnte der sogenannte Bürgermeister sein. Pfarrer Pfister bemerkt dazu: "angeblich der Vorfahre der heutigen Familie Ries, zur Krone", die bis ins 19. Jahrhundert katholisch war. An den Rand schreibt er: "Wenn um diese Zeit bereits ein Katholik ein Amt als Vorsteher (Bürgermeister) einnahm, läßt das wohl auf die Stellung der Katholiken in der jungen Gemeinde schließen." Ganz ohne Zweifel! Wir haben ja gesehen, daß sehr bald, spätestens im Jahr 1727, die katholischen Einwohner in der Mehrzahl gewesen sind. So geht es dann fort. Ich nenne Ihnen einige Namen. Da ist der Name Zink - er taucht bei den Geburten auf -; dann kommt der Name Bauer, dann wieder der Name Jakob, dann Briot, Kahrmann, Greber (mit e geschrieben), Baumann, Fortner, Gräf. Bei den Eheschließungen: Zink mit Steck, Ries mit Horner und Greber mit Hammer. Das war in den Jahren 1711-1718. Wohlgemerkt, das sind Standes-Tatsachen, die beurkundet wurden, bezogen auf Friedrichsfelder Einwohner. Schließlich Todesfälle: am 1. August 1712 Anna Maria Pförtner, dann am 6. August 1712 Johann Georg Zink, 3. Januar 1713 Anna Barbara Briot, und am 22. Oktober 1713 Guillelme Obermaier lutheranus. Das heißt, der Wilhelm Obermaier war Lutheraner. Der Pfarrer hat ein Ausrufezeichen dahinter gemacht. Nun muß man wissen, daß das nach dem katholischen Kirchenrecht nichts Außergewöhnliches ist. Es kann jederzeit sein, daß einer vom anderen Pfarrer beerdigt wurde; gleichermaßen gilt das für die Taufe. Denn nach dem katholischen Kirchenrecht gilt der Satz: "unum baptismatum, semper baptismatum", d.h. "einmal getauft, immer getauft", egal, wer getauft hat. Und es ist ja auch die sogenannte Nottaufe möglich. Wenn ich recht im Bilde bin, gibt's die auch in unserer Kirche wie in der katholischen. (Anmerkung des Redaktors: Die Taufe eines Lutheraners durch den katholischen Pfarrer geschah in erster Linie aufgrund des sogenannten Pfarrbanns, d.h. der jeweilige Pfarrer hatte für Angehörige anderer Konfessionen, die keinen eigenen Pfarrer am Ort hatten, das Recht und die Pflicht, die Kasualien durchzuführen.)
Das war also der Anfang. Die Katholischen gehörten - wie gesagt - zu Seckenheim. Dort mußten sie zur Kirche hingehen. Hier hatten sie kein eigenes Gotteshaus. Vorhin haben Sie gehört: sie waren bestrebt, hier eine Kapelle zu bekommen, haben das aber nicht erreicht. Daß es bei diesen Dingen auch zu Gewalttätigkeiten kam, habe ich Ihnen ja belegt; das läßt sich nicht leugnen.
Die Einwohnerschaft, und zwar vor allem die katholische, war ständig am Anwachsen. Ich gebe Ihnen drei Zahlen aus dem 19. Jahrhundert: 1871 waren in Friedrichsfeld 317 Katholiken, 1895 bereits 614 und im Jahr 1900 waren es 833, dazu kamen noch 70 bei der Deutschen Steinzeugwaarenfabrik, wie sie damals hieß. Da draußen war eine Kolonie von Arbeitern, auch Ausländer dabei - heute würden wir Gastarbeiter sagen -, die katholisch waren. Von der Gemarkung her gehörten sie zwar zu Seckenheim, zählten aber zur Friedrichsfelder Gemeinde und wurden später auch von Friedrichsfeld pastoriert.
Im August 1887 wird beschlossen, eine Filialkirchengemeinde von Seckenheim in Friedrichsfeld zu errichten, einschließlich der Katholiken der Steinzeug. Das zieht sich dann hin, bis schließlich am 26. April 1905 in aller Form die Errichtung der selbständigen katholischen Kirchengemeinde Friedrichsfeld von der Erzdiözese beschlossen wird. Ich habe durch das Entgegenkommen von Herrn Pfarrer Zöller die Errichtungsurkunde da. Sie erscheint mir so bemerkenswert, daß ich sie Ihnen doch vorlesen möchte. Sie stammt von Erzbischof Thomas Nörber, der damals Chef der Erzdiözese gewesen ist. Er gibt einen kurzen Überblick über das Werden der katholischen Kirchengemeinde und proklamiert mit sehr feinen Worten auch theologisch die Errichtung dieser selbständigen Gemeinde. Der Text lautet:
"Urkunde über die Errichtung der katholischen Pfarrei Friedrichsfeld.
Der Ort Friedrichsfeld in der Pfalz ist 1682 unter dem reformierten Kurfürsten Karl von französischen Emigranten (Hugenotten) erbaut worden. Seinen Namen hat der Ort daher erhalten, weil er auf dem Felde, das ist demjenigen Teile der Gemarkung Seckenheim steht, wo der Kurfürst Friedrich I. von der Pfalz am 30. Juni 1462 den Markgrafen Karl I. von Baden und dessen Bruder, Georg Bischof von Metz, welche mit mehreren Verbündeten gegen ihn zu Felde gezogen waren, überfallen, besiegt und gefangen genommen hatte. Der Ort blieb lange Zeit hindurch unbedeutend und zählte im Jahre 1813 nur 37 Häuser nebst einer Kirche und 200 Seelen. Die Kirche gehörte den Reformierten, welche eine Filialgemeinde der protestantischen Pfarrei Edingen bildeten, während die Lutheraner nach Ladenburg und die wenigen Katholiken nach Seckenheim eingepfarrt waren. Durch den Bau der Bahnlinien in der Pfalz gewann Friedrichsfeld rasch an Bedeutung, indem daselbst zwei Bahnhöfe erbaut und in nächster Nähe zwei große Fabriken errichtet wurden. Die Zahl der katholischen Einwohner stieg von 317 im Jahre 1871 auf 614 im Jahre 1895 und von da bis 1900 auf 833, uneingerechnet der 70 Katholiken der Deutschen Steinzeugwaarenfabrik, welche auf Seckenheimer Gemarkung ganz nahe bei Friedrichsfeld liegt. Der kirchliche Notstand der Friedrichsfelder Katholiken wurde von Jahr zu Jahr größer, da die Pfarrkirche in Seckenheim kaum für die Katholiken des Pfarrortes ausreichte und an der nicht einmal eine Vikar-Stelle bestand. Deshalb gründeten katholische Männer in Friedrichsfeld im Juli 1888 einen Kapellen-Fonds-Verein, der schon im ersten Halbjahre 300 Mark aufbrachte, mit denen durch Genehmigung des Großherzoglichen Ministeriums vom 30. November 1888 und des Erzbischöflichen Ordinariates vom 13. Dezember 1888 ein Kapellen-Fonds gegründet wurde. Die Sammlungen für diesen Fonds nahmen einen günstigen Fortgang, da im Jahre 1889 das Bezirksamt Schwetzingen eine Hauskollekte bei den Katholiken des Amtsbezirkes gestattete, so daß der Fonds mit Genehmigung des katholischen Oberstiftungsrates vom 19. November 1893 ein Grundstück von 27 ar und 49 Meter um 1950 Mark als Bauplatz für eine Kapelle kaufen konnte. Von nun an gaben der Bonifatiusverein und die Pfälzer Schaffnei wiederholt bedeutende Zuschüsse zum Kapellenfonds. Es trat aber immer klarer zu Tage, daß der stetig wachsenden Zahl der Katholiken eine Kapelle nicht genügen konnte, sondern die Erstellung einer Kirche notwendig war. Da der hierzu 1889 gekaufte Bauplatz zu schmal war, so wurde zu dessen Verbreiterung das anstoßende Anwesen des Peter Adler in Flächengestalt von 15 ar mit Wohnhaus und Scheuer durch Kaufvertrag vom 26. März 1896 um den Preis von 7000 Mark vom Kirchenfonds erworben. Dieser Kauf ist durch Erlaß des Großherzoglichen Ministeriums der Justiz, des Kultus und des Unterrichts vom 2. Juli 1896 und durch Beschluß des Erzbischöflichen Ordinariates vom 10. Juli 1896 genehmigt worden. Hierauf wurde mit Erlaß des Erzbischöflichen Ordinariates vom 22. Juni 1897 der Bau einer Kirche nach den Plänen des Erzbischöflichen Bauamtes Heidelberg mit dem Vorbehalt genehmigt, daß die Kirchengemeinde für die Kosten des Turmausbaues aufkomme. Mit Genehmigung seiner Königlichen Hoheit, des Großherzogs Friedrich, vom 2. August 1897 ist sodann durch Beschluß des Erzbischöflichen Ordinariates vom 12. August 1897 die katholische Filial-Kirchengemeinde Friedrichsfeld, bestehend aus den katholischen Einwohnern der politischen Gemeinde Friedrichsfeld und aus den Katholiken der Deutschen Steinzeugwaarenfabrik errichtet worden. Dieselbe habe mit Beschluß vom 10. Oktober 1897 sich verbindlich gemacht, durch Aufnahme eines mittels der örtlichen Kirchensteuer zu tilgenden Anlehens 10.000 Mark zum Zwecke des Turmausbaues aufzubringen."
- Darf ich hier einflechten: der Bonifatiusverein war ein Kirchenbauverein. Daher hat ja die Kirche auch ihren Namen bekommen, St.Bonifatius. Den Turm sollten die Friedrichsfelder auf eigene Kosten errichten. Das ist dann auch geschehen. -
"Am Sonntag, den 8. Mai 1898 hat Pfarrer Karl Faulhaber aus Seckenheim die feierliche Grundsteinlegung vollzogen und am 26. September 1899 hat Weihbischof Dr. Friedrich Knecht die vollendete Kirche zu Ehren des Heiligen Sankt Bonifatius konsekriert. Dieselbe ist in einfachen gotischen Formen erstellt und hat 350 Sitz- und 250 Stehplätze. Die Baukosten beliefen sich einschließlich des Baubeitrages auf 60.343 Mark und 81 Pfennig. Vom Tage der Kirchweihe an wurde von Seckenheim aus, wo ein Vikar angestellt war, in der neuen Kirche regelmäßig der Gottesdienst an Sonn- und Feiertagen und zweimal unter der Woche abgehalten. Die Kosten für zwei Glöcklein aus der alten Kirche in Brühl mit 290 Mark, für eine neue Glocke von Hamm in Frankenthal mit 943 Mark und für einen Glockenstuhl von demselben mit 717 Mark, zusammen 1.950 Mark, sind durch freiwillige Beiträge gedeckt worden. Auf gleiche Weise sind 2.600 Mark für die vom Bildhauer Hansch in Horb gelieferten Gegenstände aufgebracht worden, nämlich 1.600 Mark für den Hochaltar, 600 Mark für die Kanzel, 250 Mark für zwei Beichtstühle, 200 Mark für die Kommunionbank und 200 Mark für den Taufstein. Auch der von Aller in Schwetzingen gefertigte Marienaltar ist mit 1100 Mark aus milden Gaben bestritten. Der Aufwand für den Jesusaltar und für die Kanzeldecke, welche ebenfalls von Aller geliefert wurden, mit 1130 und 220, zusammen 1350 Mark ist auf die örtliche Kirchensteuer übernommen worden. Die vom Orgelbauer Jost Meier in Hainstadt bei Buchen um 1150 Mark erstellte Orgel ist durch freiwillige Gaben bezahlt worden.
Als im Frühjahr 1901 die Zahl der katholischen Schulkinder auf 181 in Friedrichsfeld angestiegen war, entschloß sich die Kirchenbehörde, daselbst eine Kuratie und später eine Pfarrei zu errichten, und der Bonifatiusverein stellte 20.000 Mark für die Erbauung eines Pfarrhauses zur Verfügung. Am 14. November 1901 trat der hochwürdige Herr Friedrich Hauer, bis dahin Pfarrverweser in Neusatz, seine Stelle als Pfarrkurator in Friedrichsfeld an. Seine Mietwohnung wurde vom Bonifatiusverein bezahlt."
Sie war, wie Sie wohl wissen, in der Vogesenstraße im Hause früher Maaß, neben Augspurger. Das ist heute verkauft. Man hat mir gesagt, Mehls hätten es. Da stammt heraus der Großvater von Kirchenrat Hans Maaß.
"Im März 1903 konnte derselbe dann das auf dem Kirchplatz erstellte neue Pfarrhaus beziehen. Das letztere ist nach den Plänen des Erzbischöflichen Bauamtes erbaut und hat mit Waschküche, Holzremise und Baubeitrag 24.526 Mark gekostet." Jetzt muß ich Ihnen zur Erläuterung für das folgende etwas sagen. Die Vorstellung von einer Kirchengemeinde in der damaligen Zeit war ja höheren Orts immer die, daß sie sich auch finanziell tragen konnte, daß das vorhanden war, was man eine Pfründe nennt. Daß also Grundvermögen vorhanden war, aus dem der Pfarrer leben konnte, wozu er vielleicht noch einen Zuschuß von der Kirchenbehörde bekommen hat. Wie sich das zusammensetzt, wird jetzt im folgenden näher dargestellt.
"Das Gehalt des Pfarrkuraten wurde bis 1.Januar 1905 von der allgemeinen Kirchensteuerkasse bestritten. An gutthatsweisen Leistungen sind der katholischen Kirchengemeinde Friedrichsfeld seit 1889 zugegangen: vom Bonifatiusverein 76.294 Mark (mit der Bedingung, daß davon 5.400 Mark als Grundstock eines Kirchenfonds unangetastet bleiben); von der katholischen Pfälzer Kirchenschaffnei 21.050 Mark; vom St.Gallus-Kirchenfonds in Ladenburg 300 Mark und vom Kirchenfonds in Forbach (im Schwarzwald) 60 Mark, im ganzen also 97.704 Mark.
Um die Erhebung der Kuratie zu einer Pfarrei zu ermöglichen, hat das Erzbischöfliche Ordinariat mit Erlaß vom 16. Juni 1904 angeordnet, daß die Pfälzer katholische Kirchenschaffnei zur Ausstattung der katholischen Pfarrpfründe Friedrichsfeld eine jährliche in 25-fachem Betrag absehbare Rente von 1850 Mark abgebe.
Mit Genehmigung seiner königlichen Hoheit des Großherzogs Friedrich und mit Zustimmung des Erzbischöflichen Domkapitels treffen wir nunmehr folgende Maßregel: wir vereinigen die Katholiken der in nächster Nähe von Friedrichsfeld gelegenen Wandelstation"
das sind Bahnwärterhäuser
"31,32,35,79 und 80"
Sie lagen nämlich gemarkungsmäßig auf anderen Gemarkungen. "sowie der Villa Unterländer"
Sie wird vorher meist Villa Mehl genannt. Ich kann mir nichts darunter vorstellen, bin aber dankbar für jeden Hinweis.
"und das Stellwerk Nr.II mit der katholischen Kirchengemeinde Friedrichsfeld, trennen diese Kirchengemeinde endgültig vom Pfarrverbande Seckenheim bzw. von Neckarhausen-Edingen, und erheben sie zu einer eigenen Pfarrgemeinde.
Wir gründen mit der vorhin angeführten ablösbaren Rente von jährlich 1850 Mark aus der Kasse der Pfälzer katholischen Kirchenschaffnei den Pfarrfonds bzw. die Pfarrpfründe Friedrichsfeld. Wir erheben den bisherigen katholischen Kapellenfonds Friedrichsfeld, welcher ab 1. Januar 1901 ein reines Vermögen von 10.175 Mark besaß, zum katholischen Kirchenfonds und legen demselben neben der Bestreitung der gottesdienstlichen Bedürfnisse die Baupflicht zur Kirche und Pfarrhaus auf."
Was da los ist, das wissen Sie alle, wenn Sie schon einmal gebaut haben.
"Im Namen Jesu, des Göttlichen Heilands der Welt, und im Namen der Heiligen Apostelkirche Petrus und Paulus erheben wir ferner die Kirche des Heiligen Bonifatius in Friedrichsfeld zur Pfarrkirche und verleihen ihr alle Rechte und Privilegien einer solchen. Wir gliedern die Pfarrei Friedrichsfeld dem Kapitel von Heidelberg ein und stellen fest, daß dem jeweiligen Erzbischofe von Freiburg die freie Verleihung der katholischen Pfarrpfründe von Friedrichsf'1ld zusteht. Dem Pfarrer von Friedrichsfeld weisen wir neben der Nutzniesung des Pfarrhauses und Pfarrgartens und neben den üblichen Stolgebühren den Ertrag des Pfarrfonds mit jährlich 1850 Mark als Einkommen an und verpflichten denselben, davon jährlich 25 Mark auf die Instandhaltung des Pfarrhauses zu verwenden oder an den Kirchenfonds zu bezahlen." Sie sehen, der Pfarrer war nicht auf Rosen gebettet! "Wir ermahnen und verpflichten denselben, daß er sein heiliges Amt als Seelsorger nach den Vorschriften der Kirche im Geiste Jesu Christi verwalte, auf Predigt und Katechese sich wohl vorbereite, mit liebevollem Eifer und Geduld sich namentlich der heranwachsenden Jugend sowie der Kranken und Sterbenden annehme und selbst nach der Forderung des Heiligen Paulus im 1. Brief an Timotheus 4, 12 ein Vorbild sei für die Gläubigen im Worte, im Wandel, in Liebe, im Glauben, in Keuschheit. Die Pfarrgenossen in Friedrichsfeld bitten und ermahnen wir im Herrn, daß sie stets eingedenk bleiben der großen Opfer, so die katholische Liebe gebracht hat, um ihnen zu einer eigenen Kirche und Pfarrei zu verhelfen, daß sie unberührt von den wechselnden Zeitströmen festhalten an der seligmachenden Wahrheit des katholischen Glaubens und treu bleiben in der Liebe zur heiligen Kirche Jesu Christi, daß sie ihre religiösen und bürgerlichen Pflichten gewissenhaft erfüllen, daß sie ihre Kinder durch eine gute katholische Erziehung vor dem Verderben der Welt bewahren und sie durch Lehre und Beispiel zur christlichen Tugend anleiten. Besonders legen wir ihnen die Mahnung ans Herz, welche der Heilige Paulus in seinem ersten Briefe an die Christengemeinde zu Korinth 1, 10 gerichtet hat, indem er schrieb: ich ermahne euch, Brüder, bei dem Namen unseres Herrn Jesus Christus, daß ihr allzumal einerlei Rede führet. Und lasset nicht Spaltungen unter euch sein, sondern haltet fest aneinander in einem Sinne und in einerlei Meinung. Und zum Schlusse rufen wir ihnen mit demselben Völkerapostel zu (Hebräer 13,20f.): Der Gott des Friedens, der heraufgeführt hat von den Toten den großen Hirten der Schafe, unseren Herrn Jesum Christum, er mache euch zu jedem guten Werke geschickt, seinen Willen zu tun. Er wirke in euch, was vor ihm wohlgefällig ist, durch Jesum Christum, welchem die Ehre sei von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Amen.
Diese Errichtungsurkunde haben wir siebenfach ausfertigen lassen und mit unserem Siegel versehen, sie auch eigenhändig unterzeichnet, auf daß je eine Ausfertigung in den Archiven des Großherzoglichen Ministeriums der Justiz, des Kultus und des Unterrichts, unseres Ordinariates, des katholischen Oberstiftungsrates, des Dekanates Heidelberg und der Pfarrämter Seckenheim, Neckarhausen und Friedrichsfeld hinterlegt werde.
Freiburg, Ostermittwoch, 26. April 1905
(gez.) Thomas, Erzbischof."
Ich glaube, mit dieser Errichtungsurkunde ist im Kern schon dargestellt, was die Geschichte der katholischen Kirchengemeinde in Friedrichsfeld betrifft. Wir haben gehört: es war ein Kapellenfonds gegründet worden. Dieser Kapellenfonds ist später zum Kirchenfonds erhoben worden. Nur beim Erwerb der Grundstücke gab es gewisse Schwierigkeiten, nämlich zwischen der Kirchengemeinde und dem Grundbuchamt in Friedrichsfeld. Da war nicht nur die Maßzahl unrichtig angegeben, sondern es hat auch viel Zeit gebraucht, bis der Notar - es war der alte Dr. Ritter, der hatte seinen Sitz in Ladenburg und war reisender Notar - endlich kam und das Grundbuch in Ordnung gebracht hat. Wenn Sie einmal zu Hause in Ihren alten Urkunden nachsehen, finden Sie noch eine große Handschrift "Dr. Ritter." Der hat sich also auch hier verewigt.
Wir wollen nun von der Gemeinde wissen, was denn jetzt an Grundstücken eigentlich vorhanden ist, vor allem wegen der Größe, und wie sie dazu gekommen ist. Da hat nun der zweite Pfarrkurat, es war Herr Weiler, selber eine Aufstellung gemacht. Er hat gesagt: wir haben es jetzt selbst vermessen, denn man kann sich ja auf die nicht verlassen. Die Gesamtfläche dieses Grundstücks war damals 39 ar und 56 Meter, also fast 40 ar. Davon entfielen auf die Hofreite mit einstöckigern Wohnhaus (Kinderschule) 3 ar. Das ist also das, was heute noch die alte Nähschule ist. Es ist nicht klar, wie das Gebäude darauf kommt. Es läßt sich aus den Akten, die ich hatte, nicht nachvollziehen. Ich gehe aber davon aus, daß dieses Gebäude auch von der katholischen Kirchengemeinde errichtet worden ist, zunächst einstockig, und das man später aufgestockt hat. Denn zu der Zeit, es war am 23. September 1905, als der Pfarrkurat Weiler diesen Bericht an die Erzdiözese entwirft, war das schon vorhanden. Wir wissen ja, daß sich dort nicht die Kinderschule befand, die war an einem anderen Ort. Die Hofreite für das zweistöckige Pfarrhaus wird angegeben mit 3 ar und 20 Meter. Danach verbleiben 33 ar 36 Meter, die sich wie folgt aufteilen: als Pfarrgarten samt Wegen 21 ar. Das kann ungefähr stimmen, wenn man dann noch die Kirche und alles andere dazurechnet. Soweit die Aufstellung, die der Pfarrkurat Weiler dann eingereicht hat.
Es fand dann noch ein Grundstückstausch statt, der - wie gesagt - sich lange hingezogen hat, bis er endlich im Grundbuch beurkundet wurde, und zwar mit einem Landwirt namens Michael Dehoust. In einem Bericht vom Jahr 1904 heißt es: die Eintragung des zwischen dem katholischen Kapellenfonds und Landwirt Michael Dehoust abgeschlossenen Grundstückstausch-Kaufvertrags konnte noch nicht vollzogen werden, da das Grundstück des Michael Dehoust noch mit einer Hypothek belastet ist. Die Freigabe des Grundstücks kann erst im September erfolgen. Um doppelte Kosten zu ersparen, wird gewünschte Abschrift des Grundbuchheftes des hiesigen Kapellenfonds Anfang Oktober nach erfolgter Eintragung zugestellt werden. Ich muß Ihnen sagen: der Pfarrkurat Weiler hat das damals in gutem Glauben geschrieben. Die Eintragung ist aber erst im Jahr 1905 erfolgt. Da ist hier die Eintragungsnachricht vom 20. Juli vom Grundbuchamt Friedrichsfeld mit der Unterschrift von Herrn Dr. Ritter. Einen Grundstückstausch hatte man benötigt, weil offenbar die Grundstücke, die man zunächst erworben hatte, nicht günstig lagen. Um die nun zu einem zusammenhängenden Grundstück zu arrondieren, wurde der Tausch notwendig. Zum Kirchenbau wäre noch nachzutragen, daß außerdem ein weiteres Grundstück von Peter Adler erworben worden ist. Das wurde genehmigt. Die Konzentration - wie es hier heißt - zum allgemeinen Kirchenbau erfolgte also am 26. September 1899.
Zum Kindergarten ist noch folgendes zu sagen: Es kann nicht nachgewiesen werden, wann er gebaut worden ist. Ich gehe davon aus, daß dies noch vor dem Bau der Kirche oder zumindest im Zusammenhang damit geschah. Ich nehme an, daß Aktenvorgänge darüber in einem anderen Aktenheft abgeheftet worden sind. Oder aber der Bau hat schon wesentlich früher stattgefunden, nämlich zu einer Zeit, in der die Katholiken noch nach Seckenheim gehen mußten.
Ich weiß es nicht.
Unter ihrem Pfarrer Franz Bürkle hat sich die katholische Kirchengemeinde in einer ganz schlechten Zeit wirtschaftlicher Rezession, nämlich 1928, bemüht, im Gewann Wasserloch Grundstücke zu erwerben, um dort einen Bau zu errichten, wo vor allem die Jugend sich versammeln kann, aber auch als Versammlungsstätte für die Erwachsenen. Im Jahr 1928 erfolgte die Grundsteinlegung für diesen Bau. Anläßlich des 75-jährigen Jubiläums der St.Bonifatiuskirche in Friedrichsfeld hat die katholische Kirchengemeinde eine hübsche Festschrift herausgebracht und hat darin auch ein Bild der Grundsteinlegung zum Bernhardushof aufgenommen. Dieses Bild hat besonderen historischen Wert, weil zahlreiche bekannte Personen darauf sind; ein Großteil lebt nicht mehr. Ich sehe in der ersten Reihe stehen links außen einen gewissen Albert Hopfner, nachmals Direktor bei BBC, später in Leutershausen wohnhaft, vor drei oder zwei Jahren gestorben. Dann sehe ich hier die beiden Bauunternehmer Hanf und Fleck, wie sie noch beieinander waren. Fleck ist der Schwiegervater vom jetzigen Bauunternehmer Schneider. Dann stehen hier der lange Herr Lück, lange Zeit Kirchengemeinderat, daneben der noch jugendlich wirkende Pfarrer Bürkle, drüben auf der anderen Seite Wenzel Ries, und rechts davon der alte Herr Dumm, dem "Dumme-Heiner" sein Vater, also dem jetzigen Zahnarzt sein Großvater. Wenn man in den Hintergrund schaut, sieht man auch unter den Bauarbeitern noch Bekannte. Da stehen z.B. die zwei Brüder Mühlbauer nebeneinander, nicht als Bauarbeiter, sondern als Gäste, der Eugen und der August, und noch eine ganze Anzahl. Dieses Bild ist großartig. Man müßte überlegen, ob man das nicht bei anderer Gelegenheit noch einmal einer größeren Öffentlichkeit zugänglich machen könnte. Der Bernhardushof ist später erweitert worden, und zwar wurde der Saal angebaut, das ist Ihnen allen bekannt.
Was dann im Laufe der weiteren Geschichte notwendig wurde, war die Erweiterung der Kirche. Die erste geschah im Jahr 1959 unter Pfarrer Mehlmann. Die Kirche ist etwas schmal gewesen. Man hat, wie Sie wissen, seitlich die Mauern unterfangen und rechts und links Anbauten darangefügt. Die Wiederinbesitznahme war am 4. Oktober 1959. Im Jahr 1968 hat man auch den Chorraum angepaßt, speziell im Hinblick auf die neue Liturgie, und hat einen neuen Altar dort aufgestellt. In jene Zeit fällt auch die Anschaffung eines besonderen Schmuckstücks, nämlich der Anna selbdritt. Das ist ein sehr bemerkenswertes Kunstwerk; es stammt, wenn ich recht weiß, aus der späten Gotik im Übergang zur Renaissance.
Als nächstes sind zu erwähnen der erste Kindergartenneubau 1968, der zweite 1980. Im Jahr 1971 hat man das Koch'sche Grundstück erworben, damit man sich etwas besser ausdehnen konnte. Die katholische Kirche hat mittlerweile ihr drittes Geläute. Das erste wurde - genau wie das der evangelischen Kirche - im ersten Weltkrieg abgehängt und eingeschmolzen. Das zweite Geläute wurde im Jahr 1925 angeschafft. Da gibt es auch ein Bild von der Glockenweihe. Da sieht man Mitglieder des damaligen Stiftungsrates. Ich sehe den alten Herrn Abel, den Pfarrer Bürkle, den Herrn Lück, den Herrn Ries und den Herrn Dumm. Das dritte Geläute wurde im Jahr 1952 angeschafft.
Solange in Friedrichsfeld noch eine Kuratie war, ist da kein selbständiges Pfarramt mit einem eigenen Pfarrer. Es ist lediglich ein Pfarrverwalter da - manchmal heißt es auch Pfarrverweser. Bei den Katholiken heißt das Kurat, und das, was er verwaltet, ist die Kuratie. Der erste Kurat war, wie Sie gehört haben, Friedrich Hauer. Er kam aus Neusatz und wurde am 16. November 1901 hier eingesetzt. Er blieb bis 1904 und wurde abgelöst ebenfalls von einem Kurat, von Hugo Weiler. Der blieb allerdings nur kurz da, nämlich bis 1905. Ab 1905 hat Friedrichsfeld keinen Kurat mehr, sondern einen eigenen Stadtpfarrer. Der erste ist Peter Pfister. Er war bis zum Jahr 1917 in Friedrichsfeld. Man sagt, er sei ein sehr leutseliger Mann gewesen, der sich mit den Leuten gleich welcher Konfession gut vertragen und gut unterhalten hat. Er hatte eine Liebe für Friedrichsfeld, obgleich er am 1. Juli 1917 nach Lichtental bei Baden-Baden versetzt wurde. Er starb im Jahr 1929. Es war sein Wunsch, auf dem Friedrichsfelder Friedhof beigesetzt zu werden. Hier darf ich einflechten: der Friedhof von Friedrichsfeld besteht erst seit dem 1. Weltkrieg. Der alte Gottesacker beim Pfarrgarten hinter der Schule wurde bis dahin noch belegt. Ich habe noch mit meiner Mutter zusammen hinter dem jetzigen Schulhaus Gräber von Verwandten meiner Mutter gepflegt. Wo die letzte Ruhestätte von Pfarrer Pfister liegt, habe ich Ihnen schon gesagt.
Am 31. Januar 1918 wird Dr.Karl Pfaff zum Pfarrer ernannt und am 20. Februar 1918 bestätigt. Er blieb nur etwas mehr als drei Jahre in Friedrichsfeld. Im Juli 1921 wurde er nach Denzlingen bei Freiburg versetzt und ist später in einen kleineren Ort am Kaiserstuhl gegangen, wo er dann verstorben ist. Nach dem Weggang von Pfarrer Pfaff kam als Kurat Franz Bürkle gebürtig aus Schutterwald hierher. Die Gemeinde hat ihn sehr gemocht. Aber die Erzdiözese nahm sich Zeit, ihn zum Pfarrer zu ernennen. Da fühlte sich die Gemeinde genötigt, am 23. März 1923 etwas massiver zu schreiben. Das Schreiben ist deshalb interessant, weil es von Personen unterschrieben ist, die auch für die Ortsgeschichte nicht ohne Bedeutung sind. Es lautet: "Die Unterzeichneten namens der katholischen Kirchengemeinde richten an das Erzbischöfliche Ordinariat die ergebenste Bitte, die Besetzung der hiesigen Pfarrei baldmöglichst in die Wege zu leiten. Die Pfarrei ist nun seit der Versetzung des hochwürdigen Herrn Pfarrers Pfaff, das ist seit Juni 1921, verwaist. Während in den Nachbargemeinden Seckenheim, Weinheim und Ladenburg erst später frei gewordene Pfarreien längst wieder besetzt sind, wird die Pfarrei in Friedrichsfeld noch immer von einem Pfarrverweser verwaltet. Die katholische Bevölkerung legt besonderen Wert darauf, daß diesem Zustand ein Ende gemacht wird, und würde es auch sicherlich nicht zuletzt im Interesse des gesamten kirchlichen Lebens der Gemeinde liegen, wenn dies so bald wie möglich geschehen würde. Gleichzeitig gestatten wir uns noch, die Bitte auszusprechen, bei Vergebung der Pfarrei den derzeitigen Pfarrverweser, den hochwürdigen Herrn Pfarrer Bürkle zu berücksichtigen. Genannter Herr ist aufgrund seiner langjährigen Tätigkeit in der Nähe der Großstadt die geeignete Persönlichkeit, um einer Pfarrei mit überwiegender Industriebevölkerung, wie Friedrichsfeld sie darstellt, vorstehen zu können. Es wäre ohne Zweifel für die katholische Sache in hiesiger Gemeinde ein gewaltiger Rückschlag, wenn mit der Besetzung der Pfarrei auch ein Wechsel des Geistlichen verbunden würde. Wir geben uns der Hoffnung hin, daß unseren vorgebrachten Wünschen nach Möglichkeit entsprochen wird. Für die katholische Kirchengemeinde: Becherer, Bürgermeister - G.Geiger, Stiftungsrat - Wenzel Ries, Stiftungsrat - Otto Abel, Stiftungsrat - Theo Heidinger (damals noch Betriebsassistent, später Betriebsleiter in der Steinzeug) - Leo Klein, Postverwalter - Thomas Mühlbauer, Vorstand des Männervereins - Jakob Müller, Vorsitzender des Cäcilienvereins - E.Sauer, Oberstadtsekretär (der spätere Bürgermeister von Edingen) - K.Brummer, Hauptlehrer und Organist."
Wie es bei hohen Herren so üblich ist, ob das bei der evangelischen Kirchenbehörde oder bei der katholischen ist: auf so ein Schreiben wird nicht gleich gesagt "ist in Ordnung", sondern da wird erst einmal gezeigt, daß die Behörde die Obrigkeit ist. Die Antwort kommt am 4. April 1923: sie hätten das zur Kenntnis genommen, aber man werde eben abwarten müssen, wer sich noch bewirbt, und der Herr Erzbischof werde die Entscheidung so treffen, wie es dem Wohle der Pfarrei und der Gerechtigkeit gegenüber den Bewerbern entspräche. Aber man hat die Entscheidung dann doch so getroffen. Denn der Pfarrer Bürkle wird am 4. Mai 1923 zum Pfarrer ernannt. Er bleibt der Gemeinde Friedrichsfeld bis zu seinem Tod am 4. Februar 1958 treu. Für diejenigen von Ihnen, die ihn nicht mehr gekannt haben, muß ich sagen, daß ihm nicht nur die katholische Kirchengenmeinde eine ganze Menge verdankt, sondern auch das gesellschaftliche Leben von Friedrichsfeld. Z.B. hatte er eine sehr ausgeprägte Ader für die sozialen Belange der armen Bevölkerung; Er hat geholfen, wo er konnte. Er war z.B. einer der Mitbegründer und Förderer des Kleintierzuchtvereins usw. Er unterhielt sich gerne mit den Kindern. Und die Älteren unter Ihnen kannten ihn alle an seinem wunderschönen tiefen Baß. Das hat vor allem Kinder kolossal beeindruckt. Unser Ältester saß einmal als Junge auf dem Pfuhlwagen bei meinem Onkel Alfred Dehoust, der im letzten Jahr gestorben ist, da kommt der Pfarrer Bürkle und hat sich mit ihm unterhalten. Nachher kam meine Mutter dazu, und er fragte: "Wer war denn das?" Da sagt meine Mutter: "Das war der Herr Pfarrer. II Nun kannte der Bub aber als Pfarrer natürlich den evangelischen. Und da meint er: "Das kann doch nicht sein. " "Doch, das ist der katholische Pfarrer." Sagt er: "Ach so, drum hat der so katholisch gesprochen." - Pfarrer Bürkle war auch Mitbegründer jetzigen Gartenstadtgenossenschaft. Ich sagte Ihnen ja, gerade die soziale Seite war ihm ein besonderes Anliegen.
Am 24. April 1958 wurde er ersetzt durch den Pfarrer Wilhelm Mehlmann, der damals Pfarrverwalter in Niederwiehl bei Säckingen war. Er blieb hier bis zum 9. Mai 1972 und wurde dann mit der Verwaltung der Pfarrkuratie St.Ilgen beauftragt, deren Pfarrer er heute ist. In seine Aera fällt eine rege Bautätigkeit der Gemeinde. Am 9. Mai 1972 wurde Herr - jetzt Dr. - Karl Zöller von Ziegelhausen-Peterstal zur Verwaltung von St.Bonifatius nach Friedrichsfeld gerufen. Er wurde am 13. August 1976 zum Stadtpfarrer ernannt und hat seitdem als ordentlicher Pfarrer die Gemeine inne. Soviel zu den Namen derjenigen, die in Friedrichsfeld Pfarrer bzw. Kuraten waren. Ich möchte hier auch noch dreier Männer gedenken, die im Leben der katholischen Kirchengemeinde eine herausragende Rolle gespielt haben, nämlich musikalisch gespielt haben im echten Sinne des, Wortes. Das waren die Organisten und Chorleiter. Der erste war der Hauptlehrer Johann Katzenberger, dessen Töchter Sie sicher gekannt haben. Der zweite war besagter Hauptlehrer Karl Brummer, der 1940 gestorben ist. Bis zum Jahr 1950 hat Theo Greß, ein Sohn des Schreinermeisters Greß, diese Stelle versehen, bis dann Alfred Häfner am 1.12.1951 hier als Chorleiter aufgezogen ist.
Die katholische Pfarrgemeinde hat unter Einrechnung von Neu-Edingen und Neu-Neckarhausen nach den Angaben von Herrn Pfarrer Dr.Zöller zur Zeit etwa 4100 Seelen. Sie ist besetzt mit einem Pfarrer und außerdem mit einem Diakon und hat eine ganze Anzahl Kreise und Organisationen, die mitbetreut werden. Ich möchte nur herausgreifen den Kirchenchor und was dazugehört, die musikalischen Kreise, die Orff-Gruppe und außerdem die Müttergemeinschaft.
Daneben gibt es noch eine Reihe anderer Kreise. Wenn sie die Friedrichsfelder Zeitung aufmerksam verfolgen, dann sehen Sie, welch reges Gemeindeleben sich da entfaltet hat. Seit der Zeit vor dem 2. Weltkrieg gehört die Gemeinde auch nicht mehr dem Dekanat oder Kirchenbezirk Heidelberg an, sondern Mannheim. Sie ist heute Glied der Gesamtkirchengemeinde Mannheim. Sie ist echt eingemeindet und hat keine Selbständigkeit mehr, wobei allerdings das dort nicht so streng gehandhabt wird, wie es bei uns Evangelischen der Fall war.
So, ich' glaube: jetzt reicht es. Ich möchte mich am Schluß bedanken bei denjenigen, die mich unterstützt haben, wenn ich um Akten angeklopft habe, besonders bei Herrn Pfarrer Zöller, und auch beim Evangelischen Pfarramt.